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Können wir das festhalten? Theater Festival Impulse in Köln

04. Dezember 2009 (10:30:15) | Verschiedenes | Von: Benedict

Cornelia Dörr und Franck Edmond Yao in Othello cest qui? Foto: Knut KlaßenDas Theater Festival Impulse ist das größte Festival der freien Szene. Aus dem Grund bin ich gerade in Köln und ziehe mir eine Aufführung nach der nächsten rein. Die eingeladenen Inszenierungen beschäftigen sich thematisch mit dem Theater selbst, sei es die Frage „Was spricht da?“, die von Boris Nikitin gestellt wird, „Können wir das festhalten?“, bei Gob Squad, oder „Othello, c’est qui?“ von Gintersdorfer/Klaßen.

Das beste Pulver wurde schon am Eröffnungsabend verschossen. Der begann mit der artaudschen Inszenierung „La Mélancolie des dragons“ von Philippe Quesne. Sechs Hippiekünstler bleiben im Schnee stecken. Isabelle, die sich ihren Wagen ansieht muss leider mitteilen – es dauert eine Woche, bis die benötigten Teile da sind. Genug Zeit für die Gruppe die Pseudo-Attraktionen des geplanten Vergnügungsparks, den sie mitten im Nirgendwo aufbauen wollen zu präsentieren. Wind-, Nebel- und Seifenblasenmaschinen, sowie ein winziger Brunnen und riesige aufblasbare Luftkissen kommen zum Einsatz, ebenso ein Anhänger, in dem Perücken aufgehängt sind – „invisible men“. Im Laufe des Abends fallen die Perücken nach und nach herunter, die Künstler werden vom Zuschauer mehr und mehr bedauert und man kann sich hervorragend in Isabelle hereinversetzen, die Interesse für alles heuchelt, was die Hippies zu bieten haben – hat man sich selbst nicht schonmal genauso gegenüber irgendwelchen unbekannten Künstlern verhalten? Am Ende werden alle Attraktionen gleichzeitig in Gang gesetzt und mit etwas Fantasie entsteht tatsächlich ein Kunstwerk, ein absolut verblüffender Moment.

Darauf folgt die beste Inszenierung des Festivals. Ja, das kann man so sagen. Es handelt sich um „Othello, c’est qui?“ ein unglaublich energiegeladenes Spiel mit Erwartungshaltungen und Kulturbegegnungen von Gintersdorfer/Klaßen mit den hervorragenden Schauspieler_innen Cornelia Dörr und Franck Edmond Yao. Gezeigt wird, wie deutsche Discogänger eigentlich nur „Platz verschwenden“, weil sie immer nur von einem auf den anderen Fuß treten, während afrikanische Discogänger angeblich sexy tanzen. Yao, der erklärt, dass Othello ein Schwarzer ist, den nur Weiße kennen, hält Schauspieler für eine Art Kassettenabspielroboter – Seit hunderten Jahren der gleiche Text wird immer wieder abgespielt. Die Inszenierung lebt von übertriebenen Veranschaulichungen und gleichzeitig der ständigen französisch-deutschen Übersetzung.

Ansonsten ist noch „Saving the world“ von Gob Squad besonders hervorzuheben. Die Gruppe filmt auf dem Kölner Rudolfplatz und versucht dabei alles einzufangen was unsere heutige Welt ausmacht – wie um einen Dokumentarfilm über das Jahr 2009 für Zuschauer in einer fernen Zukunft zu drehen. Sehr komisch wird das zum Beispiel, wenn eine Bankkauffrau den Zuschauern erklären soll, was ihr Beruf sei – und was überhaupt eine Bank. Der Rudolfplatz wird dabei zur ganzen Welt: Afghanistan, China, Europa, tropischer Regenwald werden verschiedenen Läden, Objekten und Bäumen zugeordnet. Mit sieben Beamern wird der Film in einem Halbkreis präsentiert, Nebelmaschine und Liveauftritt der Performer machen daraus ein großartiges Spektakel.

Weitere sehenswerte Inszenierungen sind „Made in Russia“, „Mausoleum Buffo“ mit postkommunistischen Beatles und „Ruanda Revisited“, die einzige Inszenierung mit Käsehäppchen, gleichzeitig die lehrreichste und die mit dem besten Bühnenbild.

Eher langweilig war „MASCOTS“ von Schauplatz International. Die Idee Maskottchen zu befreien und Ihnen beizubringen in der „Außenwelt“ zu überleben war zwar nett, die Umsetzung aber belanglos. Ähnlich Boris Nikitins „Woyzeck“: Die Zentrale Frage  „Was spricht da?“ ist zweifellos eine wichtige, eine interessante theaterwissenschaftliche Frage. Sie wirkt sich auf das Urheberrecht, auf Embodimenttheorien und auf die Frage nach der Selbstbestimmtheit des Menschen aus. Wenn ein Schild „RUHE“ fordert, was spricht da eigentlich? Der Techniker, der das ganze beleuchtet? Der Schildermacher? Die Autorität, die das ganze hat aufhängen lassen? Die Buchstaben selbst? Eine innere Stimme von uns? Aber die Umsetzung dieser Fragestellungen in Nikitins Inszenierung litten unter der absoluten Vorhersehbarkeit: Das Publikumsgespräch, das selbst wieder durch Malte Scholz (der übrigens sehr gut ist, darf man ja ruhig auch mal erwähnen) gesprochen wird, die Einführung in die Inszenierung, die Teil derselben ist, ja selbst die Lichtwechsel und Scholz Gänge auf der Bühne lassen sich mit ziemlicher Sicherheit vorhersehen.

Alles in allem kann man von einem Festival sprechen, bei dem es keine großartigen Kracher gab, aber mit dem Eröffnungsabend und „Saving the world“ durchaus sehr, sehr gutes Theater. Und das möchte man schon gerne festhalten.

Foto: Knut Klaßen

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