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Aufbruch aus Troja

29. Oktober 2009 (13:22:23) | Veranstaltungshinweise | Von: Benedict

Aufbruch aus TrojaWas wäre wenn Helena, Hekabe, Andromache und Kassandra (Darstellerinnen: Lucia Chiarla, Antje Görner, Christine Stienemeier, Sara-Hiruth Zewde) heute mit einem kaum seetüchtigen Kahn nach Europa fliehen und in einem italienischen Auffanglager landen würden? Von dieser absurd anmutenden Ausgangssituation aus zeigt das Teatro Instabile Berlino im Ballhaus Naunynstraße den Umgang mit Flüchtlingen – ein Wort, dass zunächst ausgiebig definiert werden muss – eine Pressekonferenz von Frontex, Erzählungen aus dem Bürgerkrieg und wie man es schafft, Helena nach Europa zu bringen, die anderen Frauen jedoch zurückzuschicken.

Das geniale dieser geistreichen Inszenierung namens „Aufbruch aus Troja“ ist sicherlich, wie ernst die Verschmelzung der mythologischen mit der zeitgenössisch-politischen Ebene genommen wird. Es wirkt brechtisch-verfremdet, wenn Odysseus (Uwe Schmieder) gemeinsam mit einem Soldaten (Christian Schmidt) Frontex leitet, die stolze und schöne Helena sich nackt auszieht, um die Einheitskluft des Aufffanglagers anzulegen, Andromache geraten wird, sie solle „Opfer spielen“, das könne sie doch, nur dann habe sie eine Chance in Europa aufgenommen zu werden. Während immer wieder originale Anweisungen, Dokumente und Presseerklärungen verlesen werden („Die schärfste Waffe ist ihr Papier“) bauen sich die Flüchtlinge aus Europaletten ein Floß oder ein Lager, die Hoffnung auf Europa, dort in Ruhe essen, trinken, schlafen ein Kind groß ziehen zu können, verglimmt auch dann nicht, wenn die Rückkehr ins Krisengebiet schon beschlossene Sache ist.

Diese Inszenierung ist sicher keine leichte Unterhaltung, der Satz „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten“ wirkt seltsam deplaziert, aber wer von Theater nicht nur unterhalten sondern berührt werden möchte, für den lohnt sich der Besuch einer der Aufführungen. Die Darsteller_innen schaffen es allesamt eine unheimliche Athmosphäre zu erzeugen und erweisen sich dabei als äußerst wandlungsfähig. Einzig das flackernde Licht störte den Genuß der gestrigen Aufführung ein wenig.

Leider konnte ich mir Aufbruch aus Troja nicht früher ansehen, sodass nur noch zwei Termine verbleiben: Heute (29.10.2009) und Morgen (30.10.2009) jeweils 20 Uhr im Ballhaus Naunystraße, Naunynstr. 27 Berlin. Eintritt 10 €, 7 € ermäßigt.

Foto: Teatro Instabile Berlino

Kommentare

Kommentar von Annika
Zeit: 25. November 2009, 11:10:05

Gibt es von diesem Stück Audiomitschnitte? Bräuchte dringend einen O-Ton für einen Radiobeitrag über noch-aktuelle antike Texte. Alternativ freu ich mich auch über einen Mitschnitt von Antigone 2.0 (evtl. vom Stimmtraining?)Irgendwas! plssssss :)

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