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Theater 2.0: Plattform für Inhalte der Zuschauer

30. Mai 2009 (14:46:48) | Verschiedenes | Von: Benedict

Logot mit dem Schriftzug Theater 2.0 betaFacebook, YouTube, MySpace, Twitter – egal welches Web 2.0 Angebot man nennt, sie alle zeichnen sich durch „User Generated Content“ aus. Der Anbieter stellt eine Plattform, die vom User mit Inhalten gefüllt werden soll. In unseren bisherigen „Theater 2.0“-Experimenten, konnten wir diesen Grundsatz noch nicht 1:1 verwirklichen. Bei Antigone 2.0 haben wir mit dem Teilaspekt der permanenten Kommentierbarkeit von Ereignissen im Web 2.0 (z. B. Blogs, Twitter) gearbeitet – dazu standen dem Publikum 15 Notebooks zur Verfügung, mit denen über das Bühnengeschehen gechattet werden konnte. Bei Ödipedia bestand der Text, sowie ein Teil der Regieideen aus User Generated Content, allerdings war dies während der Aufführung dem Publikum oft nicht bewusst. Hier konnte der User, also der Zuschauer, nur bei der Präproduktion aktiv mitwirken, was auch häufig Anlass für Kritik an unserem Konzept war.

Momentan bin ich auf der Suche nach guten Ideen eines „ganzheitlichen“ Konzepts für ein Theater 2.0. Wisdom of Crowds, User Generated Content, Theater als Plattform, freie Wahl zwischen Anonymität, Pseudonymität und Selbstentblößung, permanente Kommentierbarkeit und natürlich verschiedene Formen der Interaktivität sollen dabei nicht nur einen Teil der Inszenierung ausmachen – sei es zeitlich, räumlich oder konzeptuell – sondern in allen Bereichen verwirklicht werden. Meine bisherigen Ideen in die Richtung waren entweder zu teuer, zu banal oder zu „gibt-es-schon“.

Im Interview mit bloggersdorf.com vom 14. April habe ich über einen hypothetischen „Maskenball 2.0“ (frei nach Verdi) gesprochen. Hier das relevante Zitat:

pinke, fluffige Maskenballmaske„Der Maskenball 2.0“, frei nach Verdi: Die Zuschauer werden einzeln eingelassen und bekommen, wenn sie möchten beim Einlass eine Maske. Es gibt keine Sitzplätze, sondern man wird direkt auf die Bühne geführt. Dort werden die Zuschauer von Schauspielern in ein Gespräch verwickelt, je nach den Antworten beeinflusst das Ablauf und Handlung des Stücks. Das ganze wird live auf einer Internetseite übertragen. Die Zuschauer dort können den Schauspielern auf der Bühne, wenn sie mögen SMS-Nachrichten schicken oder sogar anrufen – denn wer braucht heutzutage noch Wahrsagerinnen und Boten? Auch diese Kommunikationsebene beeinflusst Ablauf und Handlung des Stücks. Alles darf passieren, nichts muss, jeder kann jederzeit aussteigen. Zum User Generated Content kommt der „redaktionelle“ Content von Regisseur und Schauspielern, beides mischt sich und wird zu einer neuen, tollen Sache.

Wenn ich es nochmal durchlese, halte ich die Idee für unausgereift und zu plump.

Wer hat bessere Ideen, was Theater 2.0 sein könnte oder sein sollte? Oder sonstige Anmerkungen zum Thema?

Kommentare

Kommentar von Roman
Zeit: 30. Mai 2009, 22:30:22

Theater 2.0 – Jasper Fforde hat in einem seiner Bücher eine Shakespeare-Aufführung beschrieben, in der die Zuschauer aktiv mitsprechen und einige Zuschauer spontan Rollen auf der Bühne ausfüllen, weil sie mit den Stücken so gut vertraut sind. Theater 2.0 ist für mich sehr stark basiert auf der aktiven Interaktion von Publikum und Bühnengeschehen. Entweder direkt mit den Schauspielern. Vielleicht über das Licht – Lichträume werden mit Laserpointern von den Zuschauern geschaffen, die diese als Choreographie in ihre Szene einbauen müssen. Vielleicht über den Ton – Zuschauer können den audiovisuellen Ambient einer Szene bestimmen und so die Schauspieler zum Anpassen der Szene an den so entstandenen Raum zwingen. Vielleicht sogar über die Regieanweisung – allerdings muss sich Theater 2.0 deutlich vom Improvisationstheater abheben lernen, um als eigenständige Kunstform anerkannt zu werden.

Hey, ich sollte eine Hausarbeit darüber schreiben. 😉

Kommentar von Benedict
Zeit: 31. Mai 2009, 16:57:36

Hey Roman,

Das sind interessante Gedanken. Problematisch bei der Interaktion heutzutage ist aber immer, dass die Stücke eben nicht mehr vertraut sind. Und das will ich auch gar nicht voraussetzen. Vielleicht sind Stücke, also dramatisches Theater auch gar nicht geeignet für Theater 2.0, sondern man muss sich von einem vorgegebenen Text lösen. Auch wenn ich persönlich gerade die Kombination aus neu&alt interessant finde.

Was das Buch von Jasper Fforde betrifft: Kennst du den Titel?

Lichträume: Ja, genau solche Ideen suche ich! Von den Laser Pointern bin ich gerade gedanklich auf Taschenlampen gekommen: Ein großer, dunkler Raum. Die Zuschauer entscheiden mit ihrer Taschenlampe selbst, welche Stellen, Schauspieler, Bühnenbildelemente usw. beleuchtet sind. Dann kommt bei einer Aufführung die Stimme Hamlets aus dem Off, bei der nächsten steht er in einem Lichtkegel, vielleicht leuchten die Zuschauer auch stur gerade aus oder in eine Ecke, oder machen die Lampen ganz aus. DAmit kann man bestimmt viel experimentieren.

Audio: Halte ich für schwierig, wenn man wirklich allen gleichzeitig eine Möglichkeit geben will, sich zu beteiligen. Ohne irgendwelche Vorkenntnisse, etc. vorauszusetzen.

Kommentar von Stefan
Zeit: 01. Juni 2009, 23:07:56

Wie wärs, wenn man an bestimmten Punkten das Publikum entscheiden lässt (zum Beispiel per Knopfdruck), wie es weiter geht? So wie z.b. im Lustigen Taschenbuch (nach der Art – soll Person x ins Gebäude gehen/ soll Person x links oder rechts gehen/ soll sie die Kerze nehmen oder den Lichtschalter betärtigen)- die Alternativen können ja zum Teil vorher geplant, durch die Schauspieler improvisert oder durch direkte Vorschläge aus dem Publikum entwickelt werden. Dann wäre es zum Beispiel möglich, dass sich Romeo und Julia nie kennenlernen und sich Julia stattdessen in Benevolio verliebt oder so.

Kommentar von Benedict
Zeit: 02. Juni 2009, 00:50:33

Hey Stefan,
Die Idee ist gut, aber irgendwie überzeugt es mich noch nicht so ganz. Man ist ja durch die Anzahl der Optionen „ja/nein“ bzw. „links/rechts“ doch irgendwie eingeschränkt. Und viele Leute sagen mir, dass ich ja eigentlich ein Improtheater wolle, aber das stimmt so auch nicht. Mehr eine Mischform, die sich an aktuellen Bedürfnissen, Lebensstilen und Kunstperzeptionen orientiert.

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