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Karfreitag, Kapitalismus, Katharsis

10. April 2009 (22:31:40) | Proben | Von: Martin

Jesusstatue in Rio de Janeiro. Foto aus dem Urlaub des Regisseurs im März 2008.An dieser Stelle lohnt es sich, kurzerhand auf den heutigen Tag zu schauen! Was für ein Tag ist heute? Freitag: Ja; irgendein Freitag: nein; war es der vierte Probentag in Folge: auch! Doch heute war auch Karfreitag. Der wichtigste Feiertag des okzidentalen Kalenderjahres. Die Kreuzigung Jesu Christi jährt sich nun zum 1976. Mal (gehen wir davon aus das Jesus 33 Jahre alt wurde). Eigentlich ist dieser Tag dem Innehalten zugedacht, dem Sinnen über die Taten eines Mannes, der zur Zeit der Blüte Roms wohl ganz Mensch gewesen sein soll und an dem man sich ein Beispiel an Güte und Menschenfreundlichkeit nehmen sollte. Egal ob die Geschichten/Märchen über ihn stimmen, er bewegt mit seinen Taten trotzdem ca. 1,4 Mrd. Menschen weltweit. Doch obwohl der kapitalistischen Produktion ein bisschen Innehalten und Besinnen nicht schlecht tun würde, öffnen heute nicht nur soziale Einrichtung ihre Pforten, sondern auch die gesamte Menschbespaßungs-wenn-er-sich-selber-nicht-mühen-möchte-industrie: Restaurants, Tankstellen, Tabakläden, am Hauptbahnhof in Berlin ist sogar die gesamte dort ansässige Konsumerie geöffnet. Danke Geld, danke Rendite, danke Zinsen, danke Lückengeschäft an Feiertagen. Heil Kapitalismus für einen weiteren ruhelosen Tag, an dem du nicht Ruhe gönnst deinen Säulen, den menschlichen und moralischen.

Auch wir kommen nicht zur Ruhe. Heute haben wir uns den vierten Tag in Folge getroffen, um das zentralste Ereignis neben der eigentlichen Aufführung zu zelebrieren: die Hauptproben. Wo Dienstag noch läppisch nur der 1. Teil der Inszenierung On-Block geprobt wurde. So ging es Mittwoch in die Vollen und die Aufführung wurde einmal durchgespielt. Donnerstag wurde es wieder klein klein, aber auch, wie ihr im letzten Blogeintrag seht, kürzer. Heute dann, besagter Feiertag, noch eine Leseprobe mit allen Darstellern. Doch wollen wir bei der Dichte der Ereignisse nicht in einem Satz über diese Woche gehen, die für einige sogar noch gar nicht zu Ende ist.

Ödipus und der Chor bei der Probe am 07.04.2009Die Dienstagprobe: Angesetzt war, den 1. Teil der Inszenierung zu proben. Dieses verlief, in Anbetracht des ersten Versuches, sogar ziemlich gut. Nur hier und da gab es Probleme mit dem Text – ich hatte bis dahin noch nicht den 2. Teil der 5. Szene des ersten Teils gelernt. Vor allem aber der Chor, das darf ich als Solist sagen, war sich noch nicht ganz einig über Inhalt, Tempo und Intonation des vorgegebenen Textes. So legte dieser nach der Probe noch ein paar extra Minuten in der Sonne ein und beschallten mit Sophokles/Usern den Koppener Platz. Ich derweilen leckte Wunden, die ich mir durch Übermut und Unkenntnisse zuzog. Meine Stimme war weg, zumindestens die bühnentaugliche und das nach nur zwei Stunden Proben. Ich hatte das ja schon mal in einem Blogeintrag angekündigt, aber dass es so schlimm werden würde, hätte ich nicht gedacht. Nun ängstigt mich doch ein wenig die Vorstellung, nach der Premiere ohne Stimme dazustehen. Das macht sich ggf. ziemlich schlecht für die folgenden sechs. Ich übte mich also im Schweigen und kaute innerlich auf dem Zahnfleisch: „Wie ich das wohl überstehen soll?“

Ödipus (Martin Lhotzky) hinter einem um 90° gedrehten Lamellenvorhang beim 2. Teil der Previewprobe (Durchlauf) von Ödipedia am 08.04.2009Die Mittwochsprobe: Vor laufender Kamera fingen wir, nachdem wir zwei Proben-Lamellen-Vorhänge installiert hatten, um 18 Uhr mit der Preview von Ödipedia an und wir sollten es tatsächlich schaffen um 22 Uhr die Aula des Theaterhauses, die uns für diese Probe zugänglich war, wieder verlassen. Da dieses aber zeitlich sehr knapp wurde, entschied sich Beni dann doch den ROTSTIFT anzusetzen und zu kürzen. Zu meiner Freude, denn die 5. Szene hatte ich bis dahin immernoch nicht gelernt. Ich hatte auch an diesem Tag meine Stimme wieder bühnenbrauchbar zurück und spulte im halben Programm die Probe runter – ich war nicht sehr zugänglich an diesem Abend. Antigone (Alessa Tschaftary, Mitte) betet in der 5. Szene des 2. Teils von Ödipedia, der Chor steht um sie herum. Foto von der Previewveranstaltung (Durchlauf) am 08.04.2009.Andere verloren wiederum mitten in der Probe den Boden unter den Füßen und legten sich kreislaufbedingt in der zweiten Szenen mal kurzzeitig in die Ecke. Es kamen aber körperlich keine Darsteller zu Schaden. Lediglich der Chor quälte sich vor lauter Rumstehen und suchte krampfhaft nach inhaltlich verträglichen Sitzlösungen.

Im Allgemeinen war es aber trotzdem eine sehr gute Probe. Zuvor wurde nämlich nie mit Vorhang geprobt und nun sitzen die zuvor von Maike immer nur reingerufenen Vorhangpositionen, die die Darsteller einnehmen müssen. Dass das schwieriger ist, als es klingt, werdet ihr bei der Premiere sehen, so oft wie sich der Vorhang schließt und öffnet und das auch nicht mal grundlos.

Die Donnerstagsprobe. Unspektakulär. Die neuen Kürzungen wurden szenisch geprobt und für gut befunden. Eine Besprechung des Vorabends erfolgte und jeder bekam sein Fett weg.

Die Karfreitagsprobe: Eine Bühnenbau-Leseproben-Aktion war angesagt. Wobei ich faules Ei mich nur an letzterem beteiligte. Und man wird es nicht glauben, aber die Texthänger des gesamten Ensembles lassen sich an zwei Händen abzählen. Und die könnte man sogar noch kaschieren. Alle Bühnenelemente sind meinem Wissenstand nach auch fertig hergestellt, nur Brandschutzfarbe fehlt noch irgendwo. Es läuft also im Staate Ödipedia alles zum Besten. Doch bis zur Premiere sind es noch sieben Tage und die sind voll mit Proben. Mal schauen was bis dahin noch mit dem einen oder anderen passiert. Vielleicht verliere ich ganz meine Stimme. Vielleicht bricht sich wer was etc. Eines ist aber sicher, das, was wir hier unentgeltlich für Ruhm, Ehre und Kultur- u. Bildungsauftrag tun, war einen Karfreitag wert, der nicht mit Sinnen über gute Taten gefüllt wurde. Wir nutzen einen freien Tag nicht nur für uns allein. Nein, wir haben uns für euch da draußen vorbereitet um euch eine gute Show zu liefern. Und hätte Jesus nicht gewollt, dass wir das tun. Und sollte nicht jeder die Möglichkeit bekommen. Ruhe ein wenig, Kapitalismus, und gib den Menschen mehr Zeit für andere Menschen.

Wie schreibt man pathetisch?

Update 11.04.2009 von Benedict: Fotos und Links hinzugefügt. Fotos können durch Anklicken etwas vergrößert werden.

Kommentare

Kommentar von Annika
Zeit: 11. April 2009, 09:42:53

Pathetisch ist wohl der richtige Ausdruck. Was „Kapitalismuskritik“ mit Ostern bzw. unserem Stück zu tun hat ist mir nach wie vor schleierhaft, denn wo will man die Grenze ziehen zwischen einer funktionierenden (Kultur!-)Gesellschaft und dem, was manche Menschen gerne bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit als Wurzel allen Übels bezeichnen? Naja, jeder braucht wohl eine persönliche Macke… Die blöde blöde Wohlstandsgesellschaft ermöglicht übrigens auch so Dinge wie eine Schulbildung für alle Kinder, sodass ich (da nicht durch Krankheit beeinträchtigt) in der Lage bin, den Text auf RS zu kontrollieren. Gern geschehen :p

Kommentar von Benedict
Zeit: 11. April 2009, 10:55:20

Korrekturen: Der Platz heißt Koppenplatz, mein Stift war ein BLAUSTIFT und wir haben am Mittwoch doch ein bisschen überzogen und das Theaterhaus erst um 22.15 verlassen. 😉 Ansonsten super Zusammenfassung der letzten Tage, ich werde jetzt mal die Fotos durchwühlen und ein paar passende einfügen.

Und diesen Satz hier „Wir nutzen einen freien Tag nicht nur für uns allein. Nein, wir haben uns für euch da draußen vorbereitet um euch eine gute Show zu liefern.“ kann ich nur ganz fett unterschreiben!

Kommentar von Johannes Merkel
Zeit: 12. April 2009, 07:07:39

Lieber Benedict, vielen Dank für die guten Gedanken zu Karfreitag. Hier meine Ostergedanken, etwas umformuliert von:
http://bildimpuls.de/rw_e13v/module/art2/default.asp?WebID=bildimpuls&Modus=hl&tabelle=Objekt&bool_promo_special=True

Toi Toi Toi für Freitag
Johannes (Merkel)

Grüß Gott,
mir diesem Bild und der Betrachtung wünscht ein frohmachendes und gesegnetes Osterfest
Johannes

Hände und Unterarme sind in diesem Kreuzwegbild die Hauptdarsteller. Es geht ganz klar um den Menschen, ein Essen, Gefangenschaft, Stürze, Leid, Kreuzigung und Auferstehung. Die Handlung beschränkt sich in ihrem Ausdruck auf die fotografische Wiedergabe der menschlichen Arme und Hände, deren unterschiedliche Haltungen voller Symbolik sind. Im Dialog mit dem Holzbalken und dem Licht verstehen sie das Leiden und die Auferstehung Jesu eindrücklich zum Ausdruck zu bringen.

Die Hände begegnen und berühren sich. Hier wird die eine von einer anderen ergriffen und gehalten. Ihre diagonal-vertikale Ausrichtung=2 0ist von Bedeutung. Ebenso, dass der untere Arm das waagrechte Holz kreuzt und ein breites gelbes Lichtband senkrecht die Dunkelheit trennt. Vor dem Hintergrund der Kreuzigung wird so die göttliche Hilfe symbolisiert: Einerseits die rettende Hand von oben, welche den Menschen am schlaffen Handgelenk aus der Tiefe des Leids und des Todes errettet. Andererseits das hereinbrechende Licht, das die Dunkelheit zurückweichen lässt und durch seine Vertikale dem furchtbaren Kreuzestod bereits einen glorreichen Ausgang gibt.
Bedeutsam sind die sechs Hälften der Passionsfrucht, die im Kreuzungspunkt des Lichtstrahls auf dem Holzbalken liegen. So wie seit dem 17. Jahrhundert in der Passionsblume die ganze Leidensgeschichte Jesu gesehen wurde (daher auch der Name), so kann deren Frucht die Auferstehung bezeichnen. Die Hälften geben gleichsam Einblick in das an sich Verborgene der Auferstehung, lassen das reife Fruchtfleisch sehen.
Das Fehlen von Blut und geschundenen Körperteilen mag zum Ausdruck bringen, dass in der Auferstehung alle Wunden geheilt werden. Dass wir im Tod zu einem neuen und ganzheitlichen Leben auferweckt werden, das zeitlos unser ganzes Wesen beinhaltet. – Wir?
Die verschiedenen Hände und Arme machen deutlich, dass erstens viele Menschen einen solchen Leidensweg gehen müssen. Zweitens zeigt er auf, dass es unsagbar schwer ist, einen solchen Weg alleine zu gehen und es gut tut, eine hilfreiche Hand bei sich zu haben. Letztlich zeigen die verschiedenen Mitwirkenden auf, dass der Leide nsweg Jesu in seiner Wirkung alle Menschen betrifft. Jesus ist für uns alle gestorben. Durch seine Auferweckung von den Toten hat er uns allen die Hoffnung auf ewiges Leben geschenkt.
Lassen wir uns von ihm herausführen aus dem Tod unserer Ichbefangenheit, Selbstgenügsamkeit und all dem, was unser Leben dunkel werden lässt.

Kommentar von Benedict
Zeit: 12. April 2009, 08:19:20

Lieber Johannes,

das waren in dem Fall nicht meine Gedanken, sondern die meines Hauptdarstellers.
Vielen Dank für deine guten Wünsche und den Bildimpuls,

Benedict

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