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Celebration: Der Geist der Hippiezeit, abgewrackte Piraten und verwirrte Kapitalisten

24. März 2009 (08:00:10) | Neuigkeiten | Von: Benedict

Das Ensemble von Celebration mit mehreren PuppenNachdem ich im ersten Teil des Interviews mit Celebration-Regisseur Martin Berger Eckdaten wie Bühneneinteilung, Entstehung, Team abgeklopft habe, geht es diesmal mehr um inhaltliche Aspekte. Viel Spaß!

Benedict Roeser: Ich bin ein großer Fan von chorischem Theater. Was stellt ihr mit dem Chor der Nachtschwärmer in Celebration an?

Martin Berger: Die Nachtschwärmer sind bei uns durch Puppen dargestellt. Das hat mich fasziniert, weil Puppen durch ihre spezielle Physiognymie eine weitere Kommentarebene haben. Sie sind ein Chor, dessen Mitglieder alle gleich gebaut sind – trotzdem aber immer ihren ureigenen Charakter beibehalten. Dadurch haben wir einen sehr lebendigen Chor, der seine eigenen kleinen Geschichten hat. Wenn zwei abgewrackte Piraten ohne Beine in einer Musicalnummer mittanzen und das Publikum ansprechen, hat das eine skurrile Ebene, die sich erstaunlich nahtlos einfügt, trotzdem aber einen Bruch immaniert. Dass die Puppenspieler immer offen zu sehen sind, lässt außerdem ein Spiel mit dem Schlüpfen in andere Rollen und eine Selbstbetrachtung der Theaterrealität zu – quasi ein griechischer Chor, der den griechischen Chor beobachtet. Unsere Nachtschwärmer sind dabei übrigens nicht nur in kommentierender Form zu sehen, sondern decken ein Rollenrepertoire vom schwulen Dekorateur zum brutalen Prügelschergen ab.

E.T.A. Reich - der reichste Mann der Welt - bei CelebrationRoeser: Internationale Finanzkrise und bei euch tritt der reichste Mann der Welt auf. Wie politisch ist Celebration?

Berger: Sehr! Das Stück atmet den Geist der Hippie-Zeit – es ist von 1969! – und ist in seinen extremen Charakteren eindeutige Kapitalismuskritik. Reich soll laut Regieanweisung aussehen wie ein amerikanischer Großunternehmer, sein Gegenstück Waisenkind, ein Junge, der mit der Natur eins ist und Blumen und Liebe verkörpert, besiegt ihn. In unserer Inszenierung wird diese Situation allerdings hinterfragt. Denn im Stück besiegt der Junge den Alten nur, weil er sich schließlich seiner Mittel bedient. So wird unsere Version eher ein Abgesang auf die gescheiterten Ideale der Flower-Power-Zeit, denn viele, die heute in den Banken sitzen und Mitschuld an der Krise tragen, haben in ihrer Jugend gegen den Kapitalismus protestiert. Nur haben sie sich mit den langen Haaren auch ihre Ideale abgeschnitten. Ich plädiere hier für einen Mittelweg: Ideale und Realität müssen Hand in Hand gehen, sonst gibt es nur verwirrte Revolutionäre und verwirrte Kapitalisten. Ob die Figuren und schlussendlich wir das schaffen, ist dem Zuschauer überlassen.

Roeser: Sind die Aufführungen im März und April eine einmalige Gelegenheit, oder sind bereits weitere Aufführungen geplant? Warum handelt es sich überhaupt um so eine exklusive Veranstaltung mit nur 53 Plätzen pro Aufführung?

Berger: Aufgrund unseres Bühnenkonzepts und dem Wunsch, das Publikum Teil einer Feier werden zu lassen, haben wir nicht mehr als 53 Plätze zur Verfügung. Aber das ist nicht nur dem Pragmatismus geschuldet – wir freuen uns sehr, 53 Menschen entgegenzutreten, die vielleicht mit uns zu einer Gruppe werden, nie aber eine gesichtslose Masse sind, vor denen wir abliefern.
Bisher sind aus Finanz- und Organisationsgründen keine weiteren Aufführungen geplant. Das Projekt kommt völlig ohne Förderung aus und lebt von der Begeisterung und Bereitschaft mehr für eine künstlerische Vision zu arbeiten, als für Geld. Drei unserer Darsteller kommen zudem aus Österreich und der Schweiz und sind daher nicht dauernd verfügbar. Sollte sich das Stück als totaler Renner entpuppen, werden wir aber über eine Verlängerung bzw. Fortsetzung nachdenken.

Martin Berger, hierLeben-Gründer und Regisseur von CelebrationRoeser: Auf den ersten Blick – Siehst du irgendwelche Parallelen zwischen Celebration und Ödipedia?

Berger: In beiden Produktionen sind Überzeugungstäter am Werk – die Idee muss raus, koste es, was es wolle. Und beide Produktionen versuchen neue Impulse in ein oft etwas festgefahrenes Theatersystem zu bringen. Diese Impulse sind beides Mal Fragen nach der Transparenz des Theaters und der Rolle der Zuschauer im Entstehungs- bzw. Vorstellungsprozess. Es ist super, dass es zwei Projekte gibt, die ähnliche Grundgedanken mit völlig verschiedenen Mitteln ausloten und umsetzen! Ein weiterer gemeinsamer Punkt ist natürlich, dass sich beide Projekte eines jeweils ausgenommen hübschen und gutgekleideten Regisseurs rühmen dürfen…

Roeser: Noch irgendwelche letzten Worte an die Leser unseres Blogs?

Berger: Kommt alle! Und bringt alle eure Freunde mit! Und deren Freunde! Und deren Großeltern!

Logo des Kulturhaus SpandauIch bedanke mich bei Martin für das Interview und möchte nochmals auf die Aufführungsdaten der Vorstellungen im Kulturhaus Spandau hinweisen:

Aufführungsdaten Celebration: 27. / 28. / 29. / 30. März, 3. / 4. und 5. April 2009; jeweils 20:00 Uhr
Aufführungsdaten Ödipedia: 17. / 18. / 19. / 24. / 25. / 26. und 27. April 2009; jeweils 20.00 Uhr
Kartenvorbestellung wird empfohlen: (030) 3334021

Kommentare

Kommentar von Roman
Zeit: 26. März 2009, 23:51:35

Das ist ein sehr gutes Interview.
Die Photos gefallen mir besonders. :)

Kommentar von Alessa
Zeit: 29. März 2009, 15:00:03

Ja Roman, hast du schön gemacht. 😀

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