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Exklusives Interview mit Celebration-Regisseur Martin Berger

22. März 2009 (08:00:12) | Neuigkeiten | Von: Benedict

Das Logo von Celebration - einem Theaterfest von hierLeben unter Regie von Martin BergerDie Berliner Luft knistert schon vor Aufregung. Manchmal kommt man in einen Raum und hört Leute tuscheln „Oh mein Gott, bald ist Celebration und danach dann Ödipedia!“ Okay, das war eine Übertreibung, aber es stimmt schon, dass so langsam mehr und mehr Leute gespannt auf diese beiden fantastischen Inszenierungen im Kulturhaus Spandau warten. Während wir mit Ödipedia Fotos von jeder Probe veröffentlichen und seien sie noch so dümmlich, während wir so ziemlich alles was wir tun in der Öffentlichkeit via twitter, Wiki, Blog, YouTube (Ok, der Kanal ist ziemlich tot, den müssen wir schleunigst wiederbeleben), E-Mail usw. breittreten, kann man sagen, dass Celebration ein klein wenig exklusiver arbeitet. Jede Aufführung hat nur 53 Plätze, die Namen bekannter Schauspieler werben groß für die Produktion, aber einmal hinter die Kulissen zu schauen ist schwieriger, als bei uns, wo jede Probe eine öffentliche ist. Todesmutig habe ich es gewagt und nach langem Betteln und Überwindung vieler Hürden ein exklusives Interview mit Celebration-Regisseur Martin Berger bekommen*. Da es ziemlich lang geworden ist, wird es euch in zwei Teilen präsentiert. Hier der erste, viel Spaß.

Benedict Roeser: Celebration ist ja in Deutschland eher unbekannt. Ich konnte noch nicht einmal Quellen finden, ob Celebration hier überhaupt schon einmal gespielt wurde. Woher die Idee – und der Mut – sich an Celebration ranzuwagen?

Die Nachtschwärmer von CelebrationMartin Berger: Mich reizen Theaterstücke, die inhaltlich und formal spannende Fragen aufwerfen, die ihrerseits spannende Lösungen fordern. Wenn solch ein Theaterstück auch noch ein Musical ist, ist das ein ganz besonderer Glücksfall – für mich sind Theater und Musik eine kaum zu übertreffende Symbiose. „Celebration“ bietet genau das: es beschäftigt sich mit Themen wie der Bedeutung einer transzendenten Macht in unserem Leben, der Ambivalenz der menschlichen Erfahrung und dem Verhältnis von Idealismus und Zynismus, gießt diesen Inhalt aber in die Form des musikalischen Unterhaltungstheaters.
Übrigens wurde „Celebration“ nach unseren Recherchen etwa vier Mal im deutschsprachigen Raum gespielt – vermutlich war die Erstaufführung in der DDR in den 70ern, später gab es noch drei Schulproduktionen dieses Stücks, die letzte 2006 in Zeitz. Für uns war das Stück das Ende einer längeren Suche. Der Entschluss, ein Projekt zu machen, stand vor dem Entschluss, Celebration zu machen.

Roeser: Wie hast du dein Team zusammengestellt? Waren alle gleich begeistert von deiner Idee, oder musstest du erst Überzeugungsarbeit leisten?

Tim Sandweg, Mitbegründer und Bühnenbildner von hierLebenBerger: Mein „hier:Leben“-Partner Tim Sandweg [Bild rechts] war von der ersten Sekunde an dabei. Wir haben natürlich das Für und Wider intensiv diskutiert – schließlich bedeutet so eine Entscheidung eine ganze Menge – waren unser Sache aber sehr bald sicher. Mein Kreativteam besteht größtenteils aus Menschen, mit denen ich schon zuvor zusammengearbeitet hatte. Bei meinen Darstellern darf ich mich über einen unglaublichen Vertrauensvorschuss für meine erste professionelle Inszenierung freuen. Sabine Schädler und Oliver Timpe kannte ich zwar aus Produktionen, in denen ich Assistent oder Texter gewesen war, Richard Schmetterer und Elisabeth Heller habe ich aber erst auf der Suche kennen gelernt.
Das Großartige war aber von Anfang an, dass uns alle die Liebe zum Musical und der Wunsch nach interessantem Theater eint – abseits der oft geleckt wirkenden Großproduktionen. So entstand schnell eine eingeschworene Gruppe, scherzhaft „Avantgarge“ [sic] genannt, die sich in gemeinsamen Diskussionen und Entwicklungsphasen auf ein wirklich eigenes Ergebnis hinbewegt. Wir wollen nicht nur hier arbeiten, sondern eben „hier:Leben“.

Roeser: Wie lange arbeitet ihr schon an Celebration? Seit wann gibt es die Idee dazu?

Berger: Den Wunsch, etwas Neues zu machen, gab es bei uns ganz selbstverständlich seit unserer letzten Produktion „Die letzten fünf Jahre“. Für uns gibt es keinen Abschluss in der Theaterarbeit. Celebration haben wir im Frühjahr 2008 entdeckt. Konkret wurde es, als wir einige künstlerische Parameter geklärt hatten und wir sicher davon ausgehen konnten, dass wir diese auch umsetzen können. Zum Beispiel hing die Entscheidung, die Zuschauersituation zunächst umzudrehen, also im Zuschauerraum zu spielen, sehr vom Theater ab. Gott sei Dank hat das Kulturhaus Spandau alles getan, um uns unseren in ihrem Kontext außergewöhnlichen Wunsch zu erfüllen. Ein weiterer wichtiger Grund war die ursprüngliche Übersetzung, die schlicht und ergreifend die Strichfassung der Originalinszenierung war und uns deshalb gar nicht behagte. Hier kann ich mich bei Frau Barbara Böhme-Berthold vom Verlag „Musik und Bühne“ bedanken, die es möglich gemacht hat, dass ich die ganze Show komplett neu übersetzen durfte.

Die Darsteller von Celebration feiern!Roeser: Ihr bezeichnet Celebration sowohl als „Avantgarde-Musical“, als auch als „Theaterfest“. Was kann man sich darunter vorstellen? Was ist anders als bei anderen Musicals? Wie „feiert“ ihr mit dem Publikum? Gibt es kollektives Schunkeln und kostenlose Bowle?

Berger: Avantgarde ist ja ursprünglich ein militärischer Begriff und steht für die Vorhut. Das Stück darf sich in seiner Zeit sicherlich zu den Vorreitern einer bestimmten Anti-Musical-Comedy-Richtung zählen, die mit der After-Golden-Age-Generation um Sondheim dann ihren Höhepunkt erreicht. Und auch von uns würde ich sagen, dass wir zwar in unserer Inszenierung nichts bahnbrechend neues machen – wer tut das schon? – aber etwas in der momentanen Musicalszene sehr besonderes. Da läuft viel über die Ästhetik, die sehr sprechtheateraffin ist, über das Bühnenbild, über die Art und Weise zu spielen und mit Texten umzugehen. Eigentlich ist es aber unser Ziel, Worte wie Musical, Sprechtheater etc. nicht mehr gegensätzlich zu verwenden, ja, eigentlich gar nicht mehr zu verwenden. Daher unsere Entscheidung für „Ein Theaterfest“. Wir wollen das Theater an sich feiern – das Ernste, das Unterhaltsame, das Musiktheater, das Tanztheater, das Puppentheater, das Aktionstheater, alles. Inwieweit uns das gelingt, wird sich zeigen, hängt aber auch von der Freude des Publikums ab. Ich darf soviel verraten: bei einer Inszenierung, in der es um das Auflösen von Theaterraum und -einteilung geht, bleibt das Publikum nicht unbehelligt. Aber es wird niemand nach Polonäse ziehen, um jemandem von hinten an die Schultern zu greifen, und das rote Pferd bleibt auch im Stall.

Der zweite Teil folgt in Kürze.

Logo des Kulturhaus SpandauAufführungsdaten Celebration: 27. / 28. / 29. / 30. März, 3. / 4. und 5. April 2009; jeweils 20:00 Uhr
Aufführungsdaten Ödipedia: 17. / 18. / 19. / 24. / 25. / 26. und 27. April 2009; jeweils 20.00 Uhr
Kartenvorbestellung wird empfohlen: (030) 3334021

* = Ich gebe zu, das war auch eine Übertreibung, es reichte aus, eine E-Mail zu schreiben.

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