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„Dieser Körper ist doch nicht wegzuleugnen,…

03. März 2009 (14:40:15) | Proben | Von: Martin

…und trotzdem kann er nicht gedacht werden, es kann alles um ihn  herum gedacht werden, aber nicht dieser Körper. Und ich halte an der Auffassung fest, dass er wirkt, ohne dass er gedacht werden kann.“

Rene Pollesch‘ „Tod eines Praktikanten“

Sprechen, bewegen, schreien, rennen, heulen, hüpfen – Ich bin kein professioneller Schauspieler, meine Authentizität ist die eines Laien – mein sprechen, bewegen, schreien, rennen, heulen, hüpfen, ist meins! Es ist an mich gebunden, an meinen Körper, so wie er ist. Hätte ich nur ein Bein mein Hüpfen wäre ein anderes als mit zwein, aber immer noch meins.

Wieso ich das schreibe? Wieso ich darauf bestehe? Bei dem gestrigen Stimmtraining und der Leseprobe wurde mir dieses einfach noch mal in vielerlei Hinsicht bewusst. Ich hatte noch nie zuvor Stimmtraining – und das eine mal gestern war, wenn auch interessant, sinnlos, aber keine Zeitverschwendung – und gestern erfuhr ich, dass mein Atmen ein Falsches ist, So komme ich nicht unbescholten durch 2 Stunden – optimistisch geplanter – Inszenierung. Ich werde brüllen und keine Stimme mehr haben danach, ihr, die Zuschauer, werdet damit leben müssen, dass es ein paar Minuten dauert bis ich sie komplett wieder habe. Ich werde damit leben, dass es wehtun wird. Meine Stimme ist also ein fehlendes Bein, sie ist mein Hüpfen auf einem Bein, dass nur mir gehört.

Ich werde üben was man mir gestern zeigte, beherzigen was man mir sagte, doch ohne Kontrolle wird es nicht so werden wie es sein sollte, meine Stimme bleibt ein Wrack – für Bühnenverhältnisse. Zu spät wurde diese Maßnahme von mir selbst und Benni ergriffen. Ich hätte es gerne richtig gelernt, für euch und mich. Den Automatismus des richtigen Atmens werde ich wohl nicht mehr lernen, bis zur Premiere – Schade – zu spät ! Doch wird es mir nicht weglaufen.

Auf der Bühne werde ich nun bei langen Passagen nach Atem ringen, ich werde nicht immer in den Bauch atmen, denn ich muss mich ja auch auf den Text konzentrieren, doch ich werde mein bestes geben. Ich werde meine Körper für euch zu Medium machen in dem ihr Ödipus sehen werdet und gleichzeitig meinen makelhaften Körper euch zur Schau stellen. Deshalb sage ich es mit René Pollesch „dieser Körper ist doch nicht wegzuleugnen.“

Das war die Essenz der gestrigen Proben, fern ab von jeder Textgestaltung – auch wenn dieses gestern mit auf dem Programm stand.

Aber neben meiner Bitte mich zu akzeptieren wie ich bin, gibt es auch angenehmes zu berichten.

Benni und ich haben gestern mit dem Vorhang in seiner Wohnung “experimentiert“ und sind zu ein paar sehr schönen Lösungen für die 5. Szene gekommen, die Benni noch ausfeilen wird. Wir gehen mit unserem verstecken-und-sichtbar-machen Konzept noch ein Schritt weiter und werden euch den Blick auf einige Protagonisten entziehen. Nicht Ödipus wird Blind werden, sondern dass Publikum. Vielleicht werden ein Paar Lampen Licht ins Spiel bringen. Vielleicht werdet ihr noch den Schatten erkennen, des einst so großen Ödipus, der in 5. Szene nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Vielleicht wird am Ende alles klarer wenn Ödipus noch mal alle Register seiner Arroganz zieht und jedem, nur nicht sich selbst, die Schuld am Unglück gibt. Vielleicht schafft es Ödipus, die Familie vollends zu entzweien und muss sich dafür wie in einer Talk-Show vor Kreon, dem letzten aufrechtstehenden Mann aus Agenors altem Blut, rechtfertigen. Vielleicht. Ihr werdet`s sehen.

Kommentare

Kommentar von Benedict
Zeit: 03. März 2009, 16:06:32

„Zu spät wurde diese Maßnahme von mir selbst und Benni ergriffen.“ Moment mal, das ist doch nicht meine Schuld!

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