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Der Flüchtling als Krabbe

17. Februar 2009 (18:41:49) | Proben | Von: Benedict

Ödipus geht auf allen vieren seitlich wie eine Krabbe. Foto vom 09.11.2008.Wer in der Berliner Zeitung im Dezember den folgenden Ausschnitt gelesen hat, hat sich sicher gefragt, wie das ganze auf der Bühne aussehen wird: Ödipus muss seitwärts laufen wie eine Krabbe, […]. Martin findet das reichlich anstrengend, außerdem ist die Hose zu eng. „Denkt euch bitte die Scherengeräusche dazu, ich hab jetzt keine Kastagnetten dabei“, sagt Regisseur Benedict Roeser. „Das hat alles einfach auch gelegentlich gar keinen Sinn“, sagt Ödipus, während Benedict überlegt, ob er ihn das Buch „Im Krebsgang“ vor sich her tragen lässt.

Am Sonntag haben wir die Krabbenszene mal wieder geprobt – diesmal im Kontext mit dem Parodos und der 1. Szene des 2. Teils. Dadurch ist es allerdings auch nicht weniger wirr geworden. Und nach der Probe ist mir aufgefallen, dass ich die Krabbenfotos nie online gestellt habe. Hier sind sie – mit einer kurzen Erläuterung zum tieferen Sinn des ganzen. :-)

Ödipus (Martin) läuft wie eine Krabbe auf und ab und erzählt dem Chor seine Geschichte. Foto vom 09.11.2008.Das Hikesiethema ist im Parodos des 2. Teils von Ödipedia entscheidend. Um den Bogen zur Gegenwart zu schlagen, habe ich die Flüchtlingsschiffmetapher eingeführt: Der erste Kontakt eines Flüchtlings findet oft mit Vertretern des Staates des „gelobten Lands“ in einem militärischen Kontext statt. Die entscheidende Frage für mich ist, ob ein tatsächliches Interesse der jeweiligen Autoritätspersonen (bei uns durch den Chor verkörpert) am Reisebericht, dem familiären Hintergrund und den Gründen für die Flucht aus dem Heimatland vorliegt, wie groß dieses Interesse ist, ob und wie es geäußert wird und warum es überhaupt besteht. Diese Fragen werden bei uns dadurch illustriert, dass der Chor die Macht Athens durch einen militärischen Parademarsch darstellt, während Ödipus in der Körperhaltung einer Krabbe auf und ab geht und seine Geschichte erzählt. Die Krabbe zeichnet sich dadurch aus, dass sie aus dem Meer an den Strand kommt, klein ist, eine – in ihrem Heimatland sinnvolle Verteidigungsvorrichtung (die Scheren) besitzt, die gegenüber Menschen jedoch nicht besonders wirkungsvoll sind und natürlich dadurch, dass sie seitwärts läuft.

Ödipus (Martin) spielt im Stehen eine Krabbe. Foto vom 09.11.2008.Die Wandlung von Ödipus zur Krabbe folgt einer genauen Choreographie. Sehr bewusst haben wir uns gegen eine stehende Krabbe (Bild links) und für die sitzende entschieden. Ödipus sitzt bereits zu Beginn des Parodos auf der Bühne. Er möchte sich vom anstrengenden Weg von Theben nach Kolonos ausruhen, so seine Worte (Bild unten). Im Zwiegespräch mit dem Chor zeigt sich, dass er trotz Vertreibung aus der Heimat, Blindheit und Erschöpfung seinen alten Stolz noch nicht verloren hat – aus der Aufforderung, den heiligen Ort zu verlassen und sich woanders hinzusetzen wird ein Twister-Wettstreit: Dem „heiligen Pythagoras“ folgend setzt Ödipus seine Hände und seine Füße an verschiedene Punkte auf dem Boden und geht am Schluss als Sieger hervor, bis er beginnt seine Leidensgeschichte vorzutragen. In diesem Moment wird die Scheinhaftigkeit des Sieges offenbar, der Chor zeigt seine wahre Macht und Ödipus Worte gehen im Lärm des Parademarschs unter.

Zuletzt erfolgt die Aufnahme des Flüchtlings aus politischem Kalkül. Diffuse Hoffnungs- und Wunschvorstellungen des Volkes, sowie die tiefe Religiosität der Koloner werden von Theseus geschickt genutzt um den eigenen guten Ruf zu wahren.

Prolog des 2. Teils von Ödipedia. Foto vom 15.02.2009.

Weitere Krabben- und Probenfotos zu diesen Szenen beim Klick auf mehr.

Regisseur Benedict (Mitte) erläutert Ödipus (gespielt von Martin, rechts) den Ablauf der Szene - als Krabbe. Foto vom 09.11.2008.

Martin (rechts) macht einen eigenen Vorschlag zur Interpretation der Krabbe. Foto vom 09.11.2008. Wir haben uns gegen diese Version der Krabbe und für eine sitzende entschieden. Foto vom 09.11.2008.

Antigone (Alessa) führt Ödipus (Martin) im Prolog des 2. Teils durch einen Märchenwald - bestehend aus unserem Chor. Foto vom 15.02.2009.

Kommentare

Kommentar von Annika
Zeit: 18. Februar 2009, 11:17:56

Oh Beni, ich gehöre wahrscheinlich zu den Menschen, die von Anfang an in deine Inszenierungspläne eingeweiht waren. Trotzdem schaffst du es immer wieder, mich mit Interpretationen zu überraschen, von denen ich noch nie gehört habe (wenigstens bin ich fest davon überzeugt… vielleicht stehen auch 1-2 Caipis meiner Erinnerung im Weg)!

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