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„Seit wann geht die Tür nach innen auf?“

21. Januar 2009 (01:55:47) | Forschung (Ödipedia) | Von: Johanna

Zum wiederholten Male stellten Stefan und ich heute fest, dass unsere Wohnung äußerst versteckt liegt. Ausser Benny, der uns damals bei unseren Umzügen half (an dieser Stelle nochmal ein großes Danke an den starken Kühlschrank- und Küchenschrankträger) und bei diversen Anlässen hier aufgetaucht ist, fand keiner so richtig schnell den Weg hierher. Annika musste eine Weile suchen, nach eigener Aussage etwa 10 Minuten, und Sophia versuchte Informationen über Gebäude zu erkunden um so den Weg zu uns zu finden. Irgendwie schafften es dann doch alle bei uns einzutreffen.

Johanna tastet sich - blind, nur mit einer Gurke bewaffnet - durch ihre Wohnung.Bei Kaffee, Tee und Wasser wurde erst einmal ein gemütliches Gespräch über alle möglichen und unmöglichen Themen des Alltags geführt. Unter anderem natürlich auch zum Thema „Blindheit“. Einer fehlte jedoch, um das Forschungsprojekt „Blind in Berlin“ zu beginnen: Bruno. Es stellte sich heraus, dass er wegen eines Kommunikationsproblems dachte, wir treffen uns erst um 6, statt 16 Uhr. Er wollte sich aber bemühen schnellst möglich bei uns aufzutauchen. Also beschlossen wir die Wartezeit zu überbrücken, indem wir Augenpflaster, Essen und Filme für die Kamera besorgten.

Nachdem jeder sein Objekt der Begierde käuflich erworben hatte (wer hätte gedacht, dass Apotheken keine Augenpflaster vorrätig haben und ein gewisser DrogerieMarkt uns letztlich doch diesen Wunsch erfüllen konnte), trafen wir auf Bruno.
Nach kurzer Orientierungslosigkeit fanden wir auch einen Markt, der uns erlaubte in seinen heiligen Hallen zu Filmen, da diverse andere Marktketten uns dies verweigerten. Mir wurden also die Augen mit Augenpflastern abgeklebt und ich setze meine Sonnenbrille auf, damit nicht gleich jeder erkannte, dass meine Blindheit nur temporär und selbstverschuldet ist. Man wäre erstaunt wie kompliziert es ist, sich eine Zigarette anzuzünden, wenn einem die Sicht auf selbige fehlt. Dank Annika konnte ich dennoch zu meinem Genuss kommen.
Stefan gesellte sich an meine Seite und leitete mich durch die Obst- und Gemüsekisten, die vor dem Laden aufgebaut waren.

Was für ein eigenartiges Gefühl. Blinde konzentrieren sich nach eigenen Angaben auf ihre anderen 4 Sinne. Allerdings bringt einem der Geruchs- und Geschmacksinn recht wenig beim Einkaufen. Das meiste ist eingeschweißt und Vorkosten wird, so nehme ich zumindest an, nicht allzugern gesehen. So blieben mir nur noch 2 Sinne: Fühlen und Hören. Das Ertasten funktionierte bei Gurken, Tomaten und Eisbergsalat ganz gut, obwohl ich es wohl ohne Hilfe niemals geschafft hätte, zu dem jeweiligen Gemüse zu finden.
Ich konnte anhand von Geräuschen und Stimmen auch relativ gut ausmachen wo ich mich gerade befinde, schließlich gehe ich mehrmals wöchentlich an diesem Laden vorbei, aber es fiel mir sehr schwer fremden Menschen auszuweichen, denn wenn ich jemanden bemerkte war es meist schon zu einem kleinen Anrempeln gekommen.
Im Laden wurde es kompliziert. Ein winziger Gang, eine „Blinde“ und gefühlte 4000 weitere Einkäufer erschwerten den Weg zum Käse erheblich. Aber wir fanden ihn. Wenn auch seeeeeehr langsam.

Johanna erschöpft neben ihren Einkäufen.Nachdem ich bezahlt hatte und wir aus dem, für mich gefühlten riesigen, aber in Wirklichkeit winzigen Laden heraus waren gingen wir zurück zu uns nach Hause. Dort stellte ich erstaunt fest, dass die Tür zum Hof sich nach innen öffnete. Das war mir bisher nicht bewusst. Im Gegensatz zum Laufen ging das Treppensteigen recht fix von statten, dank dem Geländer. Oben angekommen fand ich alleine und recht problemlos den Weg in mein Zimmer und stellte danach erschrocken fest, dass aus der Küche keine Stimmen mehr kamen. Es verunsicherte mich enorm, dass ich nicht sehen konnte wer noch da war und schwieg und wer irgendwo in der Wohnung verschwunden war. Als ich an Stefans Zimmer ankam, was ewig dauerte, um die anderen zu finden, stellte ich enttäuscht fest, dass alle anderen gerade auf dem Rückweg zur Küche waren: also den ganzen Weg (der sonst keine 3 Sekunden dauert) zurück.

Als alle in der Küche waren, irritierte es mich enorm, wenn keiner sprach. Man fühlt sich dann besonders beobachtet, weil man die Gesichtsausdrücke der anderen nicht sieht und nicht weiß, was sie gerade tun. Allerdings stellte ich fest, dass man oft spürt, wenn sich jemand in der Nähe aufhält oder seine Position verändert. Annika und Sophia verabschiedeten sich dann, nicht um, wie sonst üblich, im Aufsturz zu verschwinden, sondern um in die Oper zu gehen. Ich wiederum fing an, mein gekauftes Gemüse und den Käse zu schneiden. Das Problem an der Blindheit ist, dass man nichts sieht! Obwohl ich unsere Küche sehr gut kenne, fiel es mir schwer den Weg vom Tisch zum Waschbecken zu finden. Irgendwie lief ich immer wieder gegen den Kühlschrank und ich stellte fest, dass wir einen Basilikumtopf haben. Außerdem dauerte alles unendlich lange. Eine Tomate zu schneiden ist für mich kein Problem, das mache ich bestimmt 2 oder 3 mal die Woche, aber wenn man ein Messer in der Hand hat und nicht sieht wohin man schneidet, dann ist es durchaus nicht zu unterschätzen.

Gewürze - die meisten fühlen sich von außen völlig gleich an. Um sie blind unterscheiden zu können, müssen sie entweder perfekt geordnet sein, oder man probiert sie vor der Verwendung.

Johanna schneidet SalatNach langem, sehr langem, extrem langem Schnippeln und zusammenmixen, man unterschätze nicht wie schwierig es ist ein einfaches Dressing zuzubereiten, wenn man nichts sieht und abschätzen muss wieviel Salz und Pfeffer da rein muss, abgesehen davon, dass man erstmal herausfinden muss, was das jeweilige Gewürz ist, durfte ich die Augenpflaster wieder abnehmen. Wieder sehend sah ich das Chaos, welches ich angerichtet hatte: Die Tomaten auf der Tischdecke verteilt, der Käse völlig zerstückelt und mein Salat schmeckte auch schon mal besser.

Dann wurde nur noch eine kurze Filmszene gedreht, wie mir die Augenpflaster aufgeklebt werden, da wir selbiges vorher draußen und im Dunkeln gemacht hatten. Anschließend ging es, nein nicht ins Aufsturz, sondern ins Walhalla, wo wir auch auf Alessa trafen und bei dem ein oder anderen (der eine hatte mehr als der andere) Getränk und Nudeln wurde das Projekt nochmal nachbesprochen, sowie über diverse Film- und Theaterüblichkeiten philosophiert.
Dies war ein recht langer Blogeintrag, aber auch ein sehr aufregendes Erlebnis für mich, was die Länge rechtfertigt.

Das Ergebnis der ArbeitFazit:

  • ein weiterführendes Experiment: „Ein Tag Blind in Berlin“ reizt mich sehr stark
  • meine 4 anderen Sinne scheinen verkümmert oder seeeeehr langsam zu sein
  • ich möchte auf keinen meiner Sinne verzichten
  • das Problem an der Blindheit ist, dass man nichts sieht!

Kommentare

Kommentar von tingeltangel
Zeit: 21. Januar 2009, 09:56:35

Ich war vor bestimmt 10 jahren mittlerweile in einem Blindenrestaurant bei mir in NRW…ist jetzt also schon ne weile her, aber ich werde niemals mein Gefühl der völligen hilflosigkeit vergessen, basierend auf der simplen Tatsache dass ich einfach nichts mehr sah. Es ist schon beängstigend,wie sehr wir Menschen unser Leben auf den Gebrauch aller 5 Sinne einrichten. Und geht mal einer flötem ist gleich Holland in Not.
Um zu testen ob der Mensch wirklich nur ein reines Gewohnheitstier ist sollten wir vielleicht „Blind in Berlin 2.0“ andenken – eine Woche voller Türen die nach innen aufgehen…

Kommentar von carlotta
Zeit: 21. Januar 2009, 10:56:55

Ein spannendes Experiment und ein schöner Blog-Eintrag! :)
Im Rahmen meiner Schauspielausbildung gab es auch ein ähnliches Projekt: „Blind in Berlin“, bei dem wir in einer Gruppe durch die Stadt gelaufen/gefahren sind.
Jedem Nicht-Sehenden war ein Partner zugeteilt, der die Verantwortung dafür übernahm, dass niemand zu Schaden kam.
Der Partner ging immer voran und hat nur durch seine Stimme den „Blinden“ geleitet. Es ist eine große Vertrauenssache und setzt hohe Sensibilität bei Beiden voraus. Aber schon nach etwa einer halben Stimme sind alle Sinne so wach, dass man seinem Partner folgen kann und trotzdem alles was um einen herum passiert mitbekommt. So war es uns möglich einige kleine Abenteuer auf Rolltreppen, an Fahrscheinautomaten, in der U-Bahn, einem Bus, auf einem Spielplatz, an Ampeln oder großen Straßen ohne Ampeln und in Cafés zu erleben.
Ich erinnere mich auch an einige spannende Gruppenübungen, die uns auf diesen Tag vorbereiten sollten, die nichts für schwache Nerven waren, aber einen starkes Gruppenvertrauen und bleibende Erinnerungen hinterlassen haben…

In diesem Sinne, viel Spaß weiterhin!

Kommentar von Annika
Zeit: 21. Januar 2009, 10:58:32

Au ja! Blind in Berlin 2.0 ! Wir könnten feststellen, wie lange es dauert, bis sich der Tagesablauf wieder routiniert hat. Die Tür erschreckt einen am zweiten Tag sicher nicht mehr – aber was ist, wenn morgens der Wecker klingelt… 😉 Alternativ schlage ich einen Gruppenausflug (mit Tourbus?) in eins der Berliner Dunkelrestaurants vor.

Kommentar von Benedict
Zeit: 21. Januar 2009, 12:40:51

Ich habe mal den entscheidenden Satz „Das Problem an der Blindheit ist, dass man nichts sieht!“ fett markiert. Für mich der Höhepunkt des Blogeintrags.

Kommentar von Doro
Zeit: 22. Januar 2009, 12:18:40

wie immer fein geschrieben…. man kann richtig das Erlebte mitfühlen… schönes Projekt…. und auch ich finde den Satz. “ Das Problem an der Blindheit ist, das man nichts sieht“ als höhepunkt deiner Ausführungen!
weiter so!
Schwesterherz

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