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Walk a mile in my shoes

18. Dezember 2008 (11:22:00) | Veranstaltungshinweise | Von: Benedict

Am Samstag habe ich mir wie angekündigt mit Alessa „der gute König Ödipus“ angesehen. Die Ödipusgeschichte extrem gerafft (in gerade mal einer Stunde) als Ein-Mann-Stück gespielt von Jochen Keth. Der Ansatzpunkt der Inszenierung scheint die Schuldfrage zu sein: Worin liegt denn jetzt eigentlich Ödipus Frevel? Sind nicht viel mehr seine Eltern und die Götter, deren Spielball er ist, verantwortlich zu machen? Ödipus kommt mit einem Sack Schuhe auf die Bühne. Die ganze Last, die er trägt, die ganze verwickelte Geschichte, die ganzen Menschen und Ahnen und Erbflüche schüttet er vor uns auf die Bühne und beginnt zu erzählen. Besonders wichtig ist ihm die Feststellung, dass er ein guter König war. Ein sehr guter. Ist das die Hybris? Auf diese Behauptung folgt regelmäßig ein Telefonanruf. Ödipus spricht den Anrufbeantworter „… Leider bin ich im Moment nicht zu Hause. Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht, ich rufe nicht zurück. Piep!“, der Anrufer kommt vom Band. Mensch und Maschine verhalten sich nicht so, wie man es erwartet, Schicksal und eigener Wille auch nicht.

Die Stimme am Telefon ist mal Tiresias, mal Kreon, mal Iokaste. Letztere (Jacqueline de Giacomo) weiß genau, dass Ödipus da ist. Warum geht er nicht ans Telefon, damit sie wenigstens seine Stimme hören kann, das würde ihr schon reichen? Ein schöner Einfall. Wie so viele gute Einfälle in dieser Inszenierung, die ständig und schnell zwischen bedrückenden, lustigen und tiefsinnigen Szenen wechselt. Da schminkt sich zum Beispiel Ödipus mit einem Lippenstift die Augen rot und man erwartet schon, dass eine große Jammer- und Klageszene folgt, alles Leid, dass Ödipus erfahren hat nochmal ausgebreitet wird. Stattdessen schminkt er sein ganzes Gesicht, wird zum Clown, schließlich nochmal zum Kind, dass mit seinen Eltern spielt. Vater und Mutter sind zwei Seiten eines Heliumballons, ein böses und ein fröhliches Clownsgesicht und der Ballon wird im Spiel zerdrückt und platzt. Und natürlich spielt hierbei auch Siegmund Freud eine Rolle.

Lachen musste ich auch, als der Satz „Sie haben Post!“ eingespielt wurde und dabei immer größer werdende Pakete auf die Bühne geworfen wurden. Diesen Satz hatten wir auch bei Antigone 2.0 den Boten sprechen lassen, bevor er von Hämons Tod berichtet.

Alles in allem eine sehr empfehlenswerte Inszenierung: Stimmungsvolle Musik, tolle Regieeinfälle und ein hervorragender Schauspieler. Leider gab es am Samstag ein paar seltsame Zwischenrufe aus dem Publikum, die ihn auch teilweise zu irritieren schienen… Die nächste Aufführung findet am 27.12.08 in der WerkStadt Berlin (Emser Str. 124, Berlin-Neukölln) um 20.00 Uhr statt – der Eintritt ist frei. Anschauen!

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