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Veranstaltungshinweis: Bruder gegen Bruder

13. September 2008 (13:04:16) | Veranstaltungshinweise | Von: Benedict

Sieben gegen Theben: Polyneikes greift sein Heimatland Theben an, in dem sein Bruder Eteokles regiert. Sieben mehr oder weniger fürchterliche Kriegsherren werden mit ihren Soldaten auf die sieben Tore der Stadt verteilt. Eteokles setzt sieben eigene Helden dagegen. Am siebten Tor kämpft er gegen seinen eigenen Bruder. Die Vorgeschichte mit ihren Flüchen, Intrigen und dem Bezug zur Ödipussage ist natürlich wesentlich, setze ich aber mal als bekannt voraus. 😉

Der Stoff ist an sich schon spannend (und wird viel zu selten gespielt), die Umsetzung in „Bruder gegen Bruder“ von Sebastian Klink ist aber so großartig, dass sie jedermann sofort fesselt. Das Bühnenbild (Gregor Sturm): Ein Zirkus, eine Arena, ein Boxring? Von allem ein bisschen. Die Zuschauer sitzen im Halbkreis um eine runde Bühne. Werden die Schauspieler durch die hölzerne Absperrung vor dem Publikum geschützt? Oder umgekehrt? auf der Bühne ein Lichtschacht, also eine quadratische, oben vergitterte Stufe, unter der Neonröhren flackern, das gleiche spiegelbildlich an der Bühnendecke. Im Hintergrund ein schwarz-roter Perlenvorhang für ein bisschen 68er Flair – das durch die Kostüme dann voll entfaltet wird. Denn besonders pikant an der Inszenierung:

„Aischylos Tragödie über den Krieg um Theben, den Bruderkampf der Söhne Ödipus um die Macht, wurde 1968 von Karge/Langhoff neu adaptiert und am BE inszeniert. Im Zuge der Zerschlagung des Prager Frühlings wurde die Aufführung in der DDR schlußendlich untersagt.“ (Aus der Programmvorschau der Brotfabrik)

Bodo Goldbeck, als Bote, zeigt tragische Ironie, indem er die zuvor von Eteokles als Helden mit vielen Worten Angepriesenen als „Gute Wahl“ oder „Wirklich? Aktor?“ kommentiert. Besonders schön auch, wie er bei jedem Auftritt die Spannung ins unermessliche steigert, schweigt und lautstark atmet, bevor ein immenser Wortschwall aus ihm herausbricht. Die Rolle des Boten ist für griechische Tragödien meiner Meinung nach entscheidend: Da das Leid nicht direkt dargestellt wird, trägt der Bote die Handlung. Gleichzeitig ist er für den gewissen Witz, entspannende Momente, aber auch für Widerrede gegenüber den Herrschenden zuständig, sofern dieser Part nicht vom Chor übernommen wird.

Henning Bormann, mit blonder Clownsperücke, silberner Hose, golddurchwirktem, halbtransparentem Hemd und polierten schwarzen Schuhen füllt die oft einseitig verstandene Rolle des Eteokles mit Charakter. Als kluger Stratege und mitfühlender Staatsmann ist er ebenso überzeugend, wie bei einem plötzlichen Ausbruch oder wenn er unerwartete Verletzlichkeit darstellt. Sein Spiel mit Masken, Perücke, der vorsichtige Aufstieg auf den Lichtschacht und der plötzliche Schritt herunter… Jede Bewegung sitzt, jede Silbe regt zum Nachdenken an.

Doch für mich der Höhepunkt: Die Auftritte des Chors! Ganz großes Theater! Im Gegensatz zur Orestie am DT wird hier nicht dirigiert – gut, dafür sind die thebanischen Frauen auch nur zu fünft, inklusive Antigone und Ismene – dennoch sitzt jeder Einsatz mit einer unglaublichen Perfektion. Begleitet von Stefan Weihrauch an diversen Instrumenten, deren Namen ich nicht kenne (und die wohl möglich von ihm selbst gebaut wurden), der oft jedoch nur Impulse, Kriegsgeräusche oder atmosphärische Klänge beisteuert, zeigt dieser Chor das komplette Spektrum menschlicher Gemeinschaftsentwicklungen: Zusammenrücken in der Not, Vereinzelung in Panik, Liebe und Unterwerfung gegenüber dem Herrscher, ebenso wie die vorsichtig formulierte, leise Kritik. Dabei ist jede einzelne Dame – Maren Claus, Rike Eckermann, Karina Kecsek, Irene Oberrauch, Lucie Zelger) für sich ebensogut wie im Chor. Oft treten sie an den Rand der Bühnenarena, sehen dem unmittelbar davorsitzenden Zuschauer direkt in die Augen, eine unheimliche aber interessante Spannung baut sich auf – Wahnsinn!

Nicht unerwähnt bleiben sollte natürlich Bodo Goldbeck Oliver Knick als Kreon mit leicht schwulem Touch. Er ironisiert hervorragend die beginnende Demokratie und sorgt für den fließenden Übergang des Textes von Aischylos zu Heiner Müller. Dabei gelingt es ihm, einige Züge und bewegungen des verstorbenen Eteokles auf eine Weise zu imitieren, dass die Frage zurückbleibt: Was ändert sich wirklich, durch diese Veränderung im System?

Unmittelbar im Anschluss an Sieben gegen Theben (d. h. ohne Pause) wird das Satyrspiel „Hoch oben“ von Karsten Stegemann gespielt. Es hat mir gefallen, aber ich muss noch darüber nachdenken, um es angemessen beurteilen zu können. Alles in allem kann ich die Inszenierung nur empfehlen. Hier die Daten:

  • 13.09.2008, 20 Uhr, Brotfabrik
  • 14.09.2008, 20 Uhr, Brotfabrik
  • 25.09.2008, 20 Uhr, Brotfabrik
  • 26.09.2008, 20 Uhr, Brotfabrik
  • 27.09.2008, 20 Uhr, Brotfabrik
  • 28.09.2008, 20 Uhr, Brotfabrik
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Kommentare

Kommentar von Benedict
Zeit: 16. September 2008, 01:59:36

Gregor Sturm hat mir geschrieben: „[…] Nur eine Kleinigkeit: der  Kreon-Darsteller heisst Oliver Knick, nicht Bodo Goldbeck, vielleicht kannst Du das noch ändern. […]“

Er hat Recht. Falls Oliver das hier gelesen hat, bitte ich ihn um Entschuldigung, es handelte sich nur um einen Schreibfehler, der jetzt korrigiert ist.

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