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Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Pulen

19. August 2008 (17:10:40) | Forschung (Ödipedia) | Von: Benedict

Gestern habe ich auf unsere ersten Forschungsergebnisse verwiesen, sowie ein paar Fotos online gestellt. Fraglich kann für den ein oder anderen bleiben, was die Ergebnisse eigentlich bedeuten.

Hierzu nun einige meiner Gedanken:

Zunächst ist festzustellen, dass Länge und Menge der Beiträge zum Pulreflex ihren Peak am zweiten Messpunkt erreichen. Der dritte Messpunkt, der die doppelte Blutalkoholkonzentration und Zeit darstellt ist von kürzeren, weniger elaborierten, Antworten geprägt, als die zum zweiten Messpunkt. Meiner Ansicht nach ist dies teilweise der frustrierenden Notwendigkeit geschuldet, dreimal innerhalb kurzer Zeit die gleiche Frage mit unterschiedlichen Antworten zu belegen. Deutlich zum Ausdruck bringt dies die Antwort „Man pult! Mehr gibts nicht zu sagen!“ die in ihrer Finalität das Pulen, welches zuvor temporal und kausal eingeschränkt bleiben musste, nun als gesellschaftliches und diskurstheoretisches Phänomen eröffnet. Diese Öffnung bei der Kontrollgruppe lässt sich faszinierenderweise bei den Bier- und Weintrinkern (zumindest am dritten Messpunkt) nicht beobachten. Stattdessen finden wir hier egozentrische Positionen, wie „Ich habe gepult, weil ich betrunken bin, es Spaß macht, ich nachdenke, ich mich langweile, es eine Gewohnheit ist.“ Diese sind zwar in ihrer selbstreflexiven Rückschau interessant, ihr Beitrag für die Studie ist jedoch (meiner Meinung nach) eher unwesentlich.

Möglicherweise ist der Verlauf zwischen dem ersten und zweiten Messpunkt also ideal zur Betrachtung der Forschungsergebnisse, da hier sichtbar wird, wie sich – vor allem in der Weingruppe – Ansichten zum Pulen auf allgemeinere Phänomene ausweiten und gleichzeitig genauer beschrieben werden. Klingt paradox, ist aber so. Hierbei ist eine Parallelität zur Biergruppe zu beobachten, da in beiden Gruppen unabhängig voneinander Pulen als Ersatz der körperlichen Auseinandersetzung mit Mitmenschen angesehen wird: „Ich pule, weil ich das Bedürfnis habe, an irgendetwas rumzufummeln – speziell wenn ich betrunken bin. Warum weiß ich ehrlich gesagt nicht. Das Bedürfnis ist einfach da. ‚Fummel-Bedürfnis'“ und „Pulen tut man, weil man betrunken ist und nichts mit seinen Händen anzufangen weiß. Würde man nicht pulen, würde man an anderen Leuten rumfummeln.“

Wenn man diese Parallelität außer Acht lässt, da diese Ansicht scheinbar unabhängig davon, ob Wein oder Bier konsumiert wurde, auftrat, fokussiert sich die Betrachtung zwangsläufig auf die Entwicklung von tiefgreifenderen Ansichten vom ersten bis zum zweiten Messpunkt. „Man pult, um dem Untergehen des Geistes in den leeren Augenblicken zu entrinnen. Kleine Bewegungen verstecken dann größere Löcher“ wirkt noch wenig konkret, wohingegen die erweiterte Fassung „Man pult, gleich dem Picken der Haut, wenn der Geist auf die Wände raust, um die Kreise des Augenblicks, denn das größte Loch der Zeit bedroht die augenblicklichen Positionen des Seins mit einer gleichzeitig begrenzten und unendlichen Möglichkeit. Die Pulen stehen als ein bestimmtes Ende, ein bewegungsloses Problem, das nach etwas für eine Lösung ruft, eine Veränderung des Daseins der bestimmten Punkte der Bewegungslosigkeit, gegen die bewegungslose Bewegung der Zeit und ihren Augenblicken, und wir finden uns in unserem gleichen bewegungslose…“ ein ganz neues Erkenntnisfeld zum Pulreflex zu eröffnen scheint. In der Biergruppe bleibt ein ähnlicher Gedanke allerdings im Ansatz stecken: „Wenn man den Kopf bewegt, also „intellektuell“ im Rausch, dann brauchen die Hände auch was zu tun: Pulen. Zum einen möchte man, dass die latente Nervosität, die sich im Rausch ergibt, die zum Verlust der „Urteilskraft“ führt, mit Bewegung kompensiert wird.“ genauso wie auch „Die allmähliche Verfertigung der Gedanken wird durch das Pulen unterstützt. Wie ein Schwungrad stützt die Pulbewegung die Bewegung der Gedanken.“ werden im zweiten oder dritten Messpunkt nicht konsequent weiter fortgeführt, sondern zu Gunsten anderer Theorien fallen gelassen.

Fazit: Ich glaube, dass wir eindrucksvoll gezeigt haben, dass Weintrinker im leicht angetrunkenen Zustand zur genaueren epiphanatischen Wahrheitsfindung in der Lage sind, als gleich betrunkene Biertrinker. Zur Ursache des Pulreflexes selbst konnte unsere Studie meiner Meinung nach zwar keine eindeutigen Lösungen, aber eine Vielzahl von beeindruckenden Theorien vorstellen.

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