Antigone 2.0 Logo




Das ist nicht Goethe!

02. August 2008 (22:04:16) | Verschiedenes | Von: Benedict

Eben habe ich einen sehr alten Artikel aus dem Blog eines Assistenzarztes (und die Kommentare dazu) gelesen. Leider tendiere ich dazu, den Haken bei „Benachrichtige mich bei Folgekommentaren“ (wenn vorhanden) in Blogs zu vergessen, außerdem schaue ich in viele Blogs nur unregelmäßig rein bzw. habe nicht alle als RSS-Feed abonniert und damit habe ich auch die erhellende Antwort des Arztes auf meinen Kommentar übersehen:

Frage: Was ist schlecht an “neuzeitlichen” Faust-Inszenierungen?

Antwort: Zu weit ab vom Original, zu sehr die Künstler und das Ego des Intendanten im Vordergrund und nicht die Handlung, zuwenig Goethe. Naja, nimms nicht persönlich, ich habe niemanden direkt ansprechen wollen, nur ausdrücken, dass manchen die Qualität des Stücks egal ist, Hauptsache man wird gesehen.

(Das ist einmal eine klare Ansage, bedeutend besser als damals die Dame, die ich nach Euripides Medea am Deutschen Theater nach ihrer Meinung zur Inszenierung gefragt habe. Empörter Blick, dann der Ausruf „Das ist nicht Euripides!“ Auf meine Frage, warum nicht, kam nur der wenig erhellende Satz: „Das ist kein Theater mehr!“ was definitiv nicht stimmte, denn es war Theater, für diese Beurteilung bin ich Fachmann genug. 😉 )

Es ist definitiv zu spät um, hierzu beim Assistenzarzt noch einen Kommentar zu schreiben, der beachtet werden würde, aber ich möchte unbedingt etwas zu der von ihm geäußerten Meinung sagen, denn es ist eine (meiner subjektiven Meinung nach) weit verbreitete. Zunächst „Zu weit ab vom Original“, ein Vorwurf, den ich sehr problematisch finde. Erstens ist es unmöglich zu sagen, wie sich Goethe heute eine Inszenierung seiner Werke vorstellen würde, denn er ist ja tot. Bei antiken Autoren gab es Anfang des 19. Jahrhunderts Bestrebungen, die Stücke „originalgetreu“ aufzuführen. Mittlerweile sind sich die Antikenforscher allerdings einig, dass auch diese vom „Original“ weit entfernt waren. Man kann schlicht und einfach keine Inszenierung mehr auf die Beine stellen, die auf dem Text eines Toten basiert. Zweitens stellt sich die Frage, von welchem Original überhaupt die Rede ist. Geht es um den Text? Wenn dieser stark verändert wird und eine Inszenierung nicht mit „frei nach“ gekennzeichnet ist, bin ich auch nicht sonderlich begeistert. Schließlich habe ich als Publikum gewisse Erwartungshaltungen. Geht es aber um das, was aus dem Text mit theatralen Mitteln gemacht wurde, so kann man meines Erachtens gar nicht von einem Original sprechen. Es gibt schließlich keine „Originalinszenierung“ und dann „Kopien“ davon (gut bei Euripides könnte man das jetzt wieder in Frage stellen…) und somit ist jede Inszenierung Original – nur evtl. nicht in dem Sinne, den Goethe vielleicht vor Augen hatte, wobei wir wieder beim ersten Punkt wären. Und drittens – das ist der wichtigste Punkt (kann man mir noch folgen?) – warum muss etwas überhaupt nahe dem „Original“ sein? Kunst muss meiner Meinung nach etwas mit Gegenwart zu tun haben, mit Leuten, die jetzt leben, mit aktuellen Problemen. Natürlich sind viele bei Goethe, wie auch bei Euripides, thematisierten Probleme zeitlos, deswegen werden diese Stücke ja auch mit so viel Erfolg gespielt, aber das heißt ja nicht, dass man nicht Details aktualisieren und an die heutige Zeit anpassen könnte. Wenn also es weder möglich ist, „originalgetreu“ zu inszenieren, noch klar ist, was überhaupt „original“ ist, noch das „Original“ etwas mit der Lebenswelt der Zuschauer zu tun hat, warum pochen dann einige von diesen darauf, eben jenes „Original“ zu sehen? „Weil es so schön ist!“, hört man dann manchmal die wenig hilfreiche Antwort. Ein ästhetischer Gesichtspunkt ist tatsächlich legitim, hat aber, wie ich finde, nichts mit Originalität zu tun.

„zu sehr die Künstler und das Ego des Intendanten im Vordergrund und nicht die Handlung“ Schwierig. Wenn die Künstler nicht im Vordergrund stehen würden, könnte man sie ja schlecht sehen. Aber Spaß beiseite. Der Vorwurf, dass Künstler (ich nehme mal an, die Schauspieler sind gemeint) im Vordergrund stehen und damit die Handlung hinter sie zurücktritt, mag stimmen oder auch nicht, das will ich hier nicht erörtern. Fakt ist allerdings, dass irgendjemand die Handlung auf der Bühne „zum Leben erwecken“ muss – und das sind nunmal die Schauspieler. Und je besser die sind, desto besser fürs Publikum. Und dann könnte es passieren, dass man begeistert ist, wie gut die Schauspieler sind und die Handlung nicht wahrnimmt. Anders siehts aus, wenn die Handlung (siehe oben) völlig verändert wird und das ganze dann trotzdem ohne „frei nach“ Hinweis stattfindet. Und was den Intendanten betrifft: Der steht meist gaaaaanz weit im Hintergrund (wenn man mal von solchen, die sich riesige „Verweile doch“-Denkmäler errichten lassen, absieht 😉 ). Er trifft Spielplan- und Personalentscheidungen, über die Inszenierung und insbesondere die Handlung derselbigen entscheidet aber der Regisseur (und einige andere).

„Naja, nimms nicht persönlich, ich habe niemanden direkt ansprechen wollen, nur ausdrücken, dass manchen die Qualität des Stücks egal ist, Hauptsache man wird gesehen.“ Persönlich nehm ichs nicht, dass allerdings manchen (Regisseuren) die Qualität des Stückes (gemeint ist wahrscheinlich: der Inszenierung) egal ist, glaube ich nicht. Dafür steckt man zuviel Arbeit rein.

Nochmal vielen Dank für den Kommentar des Assistenzarztes – der über das bloße „weils doof ist“, was sich viele Theaterschaffenden oft anhören müssen, hinausgeht. Das Blog ist übrigens toll, sehr gut geschrieben. Werd es jetzt auch wieder häufiger lesen. :-)

Kommentar abgeben