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Individualität und Gesellschaft im Web 2.0

18. Oktober 2007 (17:57:28) | Verschiedenes | Von: Benedict

Häufig werde ich gefragt, was an Antigone so aktuell ist und wofür das „2.0“ im Titel unserer Inszenierung steht. Da könnte ich natürlich antworten: „Wenn man ein 2.0 an etwas dranhängt, verkaufts sich besser!“ aber die Hintergründe sind dann doch etwas komplizierter.

Eine der wichtigsten Fragen in Antigone lautet: „Wem gehört eine Leiche?“ Diese sehr konkrete Fragestellung deutet natürlich auf einen abstrakteren Konflikt. In der Antike begann durch das Aufkommen der Demokratie (mit ihren Ursprüngen in der Timokratie, eingeführt von Solon, weiterentwickelt unter Ephialtes und „vollendet“ von Perikles, siehe Zeittafel) das Private immer mehr ins Blickfeld des gesellschaftlichen Diskurses zu rücken. Bestattungen sind nur ein Beispiel von vielen, wo die familiäre, individuelle oder private Organisation von einer staatlich-gesellschaftlichen abgelöst wird. Die Reformen waren in vielerlei Hinsicht notwendig, um die äußere Sicherheit der athenischen Polis gewährleisten zu können.

Teil dieses Konflikts zwischen dem Privaten und dem Gesellschaftlichen ist die Frage nach der anzuwendenden Rechtsform – Dike oder Nomoi. Das geschriebene staatliche Recht bietet erstmals eine verlässliche Rechtsgrundlage, Rechtssicherheit. Andererseits steht es oft im Widerspruch zum Naturrecht oder zur eigenen Moral/zum Gewissen. Wir sehen an unserem eigenen Rechtssystem, dass immer mehr Ausnahmeregelungen geschaffen werden müssen, um scheinbar faire Gesetzgebung gewährleisten zu können.

ÜberwachungskameraIn unserer heutigen Internetgesellschaft des Web 2.0 ist ebenfalls ein Wandel festzustellen. Ehemals private Details werden Teil des gesellschaftlichen Diskurses – sei es durch soziale Netzwerke, die um den größtmöglichen Nutzen zu gewährleisten erfordern, dass möglichst viele private Details preisgegeben werden. Was wäre StudiVZ, ohne die Information, wo man studiert, welche Seminare man belegt, und ohne die Möglichkeit sich einer Gruppe anzuschließen? Sind die interessantesten Blogs nicht die, die tatsächliche Geschehnisse beinhalten und möglichst persönliche Details preisgeben? Der größtmögliche Nutzen wäre freilich gegeben, wenn man auch lückenlos überwachen würde, dass die eingegebenen Daten tatsächlich der Wahrheit entsprechen.

Auf dieser gemeinsamen Basis – dem Überführen des Privaten in den gesellschaftlichen Diskurs, um damit ein demokratisches System zu erreichen – sind Web 2.0 und Antigone gleichermaßen aufgebaut. Beide Themenfelder sind sich auch in der angesprochenen Überwachungsthematik sehr nahe, schließlich ist Kreons Befehl nichts wert, ohne dass er Wächter aussendet, um sicherzustellen, dass dieser auch ausgeführt wird.

Ein Schlagwort des Web 2.0 ist user generated content, d. h. die Benutzer eines Systems steuern selbst seinen Inhalt bei. Beispiele hierfür sind Wikipedia, YouTube, Diskussionsforen, usw. In Antigone 2.0 können 15 Zuschauer per Chat user generated content beitragen. Sie bilden den antiken Chor – der auch damals aus 15 Personen (zunächst 12, später wurde der Chor erweitert) bestand – und können das Geschehen auf der Bühne kommentieren, kritisieren oder ergänzen. Was diese Personen zur Aufführung beitragen ist für mich und die Schauspieler nicht vorhersehbar und gerade dadurch interessant. Dadurch, dass wir nur einigen Zuschauern den Chat anbieten (die anderen können ihn auf der Leinwand per Beamer nachlesen) zeigen wir auch auf, dass an jedem angeblich „demokratischen“ System nur eine Teilmenge von Personen teilnehmen können. In der griechischen Polis waren beispielsweise Frauen ausgeschlossen, im Web 2.0 sind es Menschen ohne Internetzugang, im politischen System der Bundesrepublik Deutschland gibt es ebenfalls hinreichend bekannte Beschränkungen.

Auch auf die Entstehung von Web 2.0-Angeboten gehen wir ein. Der neue Trend spiegelt sich in veränderten Arbeitsverhältnissen wieder, die gute, wie auch schlechte Seiten aufweisen. Dies zeigen wir unter Anderem durch entsprechendes Bühnenbild und Kostümierung. Hierzu vielleicht in einem anderen Blogeintrag mehr, bis dahin sei auf den Text: „Die Bühne – Spielplatz oder Grabkammer?“ von Michael Isenberg verwiesen.

Kommentare

Kommentar von Annika
Zeit: 21. Oktober 2007, 12:00:00

Danke für diese Zusammenfassung, die wirklich das Wichtigste noch einmal erklärt. Leider lässt sich diese nur sehr schwer lesen, findest du nicht? Ein Text der die Funktion einer Zusammenfassung hat,sollte doch auch einfach zu verstehen sein, oder nicht? Ich finde ihn etwas kompliziert verfasst, das sollte im Programmheft einfacher formuliert sein.

Kommentar von Benedict Roeser
Zeit: 21. Oktober 2007, 18:00:09

Aye, aye wird nochmal auf Verständlichkeit hin überprüft. :-)

Kommentar von Sophia
Zeit: 24. Oktober 2007, 19:31:27

Habe ihn trotz Komplexität gelesen. Gilt sicher für jede attische Polis, nicht nur für die athenische, ne?

Kommentar von Denis
Zeit: 27. Oktober 2007, 18:09:28

Ah, jetzt wird mir klar, was dieses Projekt genau ist. Sehr interessante Idee, ich hoffe die Umsetzung gelingt euch! :)

Kommentar von Benedict Roeser
Zeit: 27. Oktober 2007, 18:27:09

Danke, Denis!

Kommentar von karl07
Zeit: 01. November 2007, 14:32:30

bin auf eure seite gestoßen, weil ich heute am 1.nov (allerheiligen im katholischen österreich) nach perikles gegoogelt hab (totenrede).
zur textkritik: ich schließ mich an, ein bissl kompliziert und – für einen web20-text – auch ein bissl zu lang (das ist eine unart unserer web-gesellschaft, dass man alles kurz haben will, aber so ist es leider nun einmal).
zum konlikt privat und gesellschaft ist mir habermas, strukturwandel der öffentlichkeit eingefallen. wenn ich mich richtig erinnere, war seiner auffassung nach die entstehung des privaten eine voraussetzung für die bürgerliche öffentlichkeit – und diese wiederum eine wichtige voraussetzung für die entwicklung unserer form der demokratie …

Kommentar von Benedict Roeser
Zeit: 01. November 2007, 20:17:27

Hallo, Karl!

Gut, dass du Habermas erwähnst. Er betont ja unter anderem auch die Verbindung der politischen und der literarischen Öffentlichkeit, die gerade für die griechische Tragödie eine große Rolle gespielt hat. Wenn man bedenkt, dass die Theaterzuschauer weitgehend der Volksversammlung entsprachen (ein Streitpunkt ist allerdings nach wie vor, ob auch Frauen das Theater besuchen durften) und gleichzeitig politische Entscheidungsträger waren, wird die Staatsstrukturkritik, die ich hier in Sophokles Text interpretiere noch evidenter.

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