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Über das Sprechtraining

01. Oktober 2007 (15:33:59) | Proben, Verschiedenes | Von: Roman

mikrofon.jpgEs ist ja bekanntlich keine leichte Angelegenheit, für die Bühne zu sprechen. Viel schwerer noch ist es, so auf der Bühne zu sprechen, dass für den Zuschauer ein glaubwürdiger Charakter entsteht. So ist es nicht nur meine Aufgabe als Sprechtrainer, mit den Schauspielern über die richtige und effektive Nutzung ihrer Stimme zu sprechen, es ist auch von größter Bedeutung, dass sich jeder Bühnensprecher darüber im klaren ist, was seine Stimme und die Art, wie er sie benutzt, überhaupt über seinen Charakter aussagen. Meine erste Aufgabe als Sprechtrainer ist es daher, die Selbstwahrnehmung meiner Kollegen zu schulen und Reflektionen auf den eigenen Charakter zu fördern. Das ist wirklich keine leichte Aufgabe. Beim Sprechtraining wird eigentlich der Geist viel mehr beansprucht, als die Stimme. Und so gibt es immer einen Saft für meine Sprecher – süß für die Sinne, nass für die Stimme, wenn ich das mal so reimen darf.

Wie läuft so ein Sprechtraining ab?
Man nehme einen weichen Teppich, eine gemütliche Couch, zwei Stunden Zeit und eine Hand voll muntere Menschen. Wir beginnen wie beim Sport mit Lockerungsübungen, die dafür sorgen sollen, den Körper in den richtigen Spannungszustand zu bringen. Das heißt nicht unbedingt, dass man stets einen faulen Körper auf Touren bringen muss. Manche sind eher unterspannt, manche überspannt; die Herstellung einer Wohlspannung zählt hier. Dazu wird rumgehüpft, der Körper abgeklopft, das Gesicht geknautscht und in Falten gelegt, mit der Zunge geschnalzt, und vor sich hin gesummt. Durch Übungen, die die taktilen Sinne ansprechen, wird die Selbstwahrnehmung geschult.
Das getan, geht es ans klassische Einsprechen – ich liebe Zahlen. Sie sind an sich so herrlich bedeutungslos, und doch (wenn sie sechsstellig werden) so wunderbar anspruchsvoll in der Aussprache. Wer einmal mit mir gearbeitet hat, wird der Zahl „Einundzwanzig“ eine ganz neue Bedeutung zumessen. Ich übe mit ihnen zunächst eine deutliche, aber zugleich mühelose Artikulation ein, dann lasse ich meine Schüler quer durch die Räume projizieren – man spricht im Theater immer für die letzte Reihe. Ich halte es für wichtig, stets auf eine gute Haltung zu achten – kein Rumgeeier beim Sprechen, kein Wippen mit den Füßen, Spannung im unteren Rückenbereich, locker in den Kniegelenken, es ist manchmal kaum zu glauben, was für einen Unterschied eine korrekte Haltung für den Stimmklang der Sprecher macht.
Dann wird der Stimmsitz überprüft: Wird zu sehr auf den Hals gedrückt, gibt es irgendwo Verkrampfungen? Welchen Tonumfang hat mein Sprecher, wie gut füllt die Stimme den Raum aus? Diese Faktoren zu optimieren ist eigentlich eine Arbeit von Jahren, doch auch schon kleine Korrekturen bewirken spürbare Veränderungen. Bei einem Stück wie Antigone ist die Ausdauer von großer Bedeutung – ich behaupte, dass jeder einer Zeichentrickfigur eine unheimlich lustig verstellte Stimme geben kann, aber leider hält man so, ähnlich wie beim Luftanhalten, keine fünf Minuten lang durch. Sprecher müssen quasi lernen, unter Wasser zu atmen. Glücklicherweise sprechen unsere Schauspieler bei Antigone 2.0 meist mit ihrer ’natürlichen‘ Bühnenstimme, und so obliegt es mir lediglich, sie auf dem Weg zu einer raumfüllenden Stimmgebung zu begleiten.
Meine zweite wichtige Aufgabe, neben der Unterstützung der Spieler mit sprechtechnischem Training, ist es, mit ihnen ihre Rezeptionstechnik des Textes zu verfeinern. Ebenso anstrengend wie „Einundzwanzig“ muss wohl meine ständige Frage sein: „Kannst du mir erklären, wie du diesen Satz sprichst?“ Wir sitzen also nach dem Einsprechen einträglich auf der Couch nebeneinander, und schauen ins Textbuch. Die Zehen meines Nebenmenschen reißen verzweifelt einzelne Fasern aus dem Flokati-Teppich, während er für jeden Satz Rechenschaft ablegen muss. *lächelt* Es ist tatsächlich eine sehr detailreiche Arbeit – für jeden Sinnabschnitt müssen Tonfall, Sprechgeschwindigkeit, Zäsurierung (kleine und große Pausen), Betonungsmuster, Lautstärke und einiges mehr festgelegt werden. Wir stolpern gemeinsam über Sprechfallen wie Doppelkonsonanten („Krank kackt Teddy Yvonne nur rechts nebens Klo.“) und Zungenbrecher, und diskutieren über unzählige Kleinigkeiten. Da viele Schauspieler ihren Stimmeinsatz stark über ihre Gestik, Mimik und Körperbewegung steuern, kommen wir nicht umhin, auch detailliert in die Spielchoreographie zu gehen. Da überschneidet sich meine Arbeit schon sehr mit den Kompetenzen des Regisseurs, der davon aber glücklicherweise nichts weiß. 😉 Der positive Nebeneffekt der Detailarbeit mit der Stimme: Das Auswendiglernen geschieht ganz automatisch nebenbei. So machen’s die Profis!

Das war ein kleiner Einblick in meine Arbeit als Sprechtrainer für Antigone 2.0.
Wir sehen uns zur Aufführung!

Kommentare

Kommentar von Kreon
Zeit: 01. Oktober 2007, 15:35:31

Ich darf stolz berichten: das ist der erste Blogeintrag meines Lebens. Ha!

Kommentar von Der Bote
Zeit: 01. Oktober 2007, 17:10:49

Nein, Roman! Ein Blogeintrag! Ich bin soooooo stolz auf dich! 😀

Ich darf übrigens zustimmen, die Sprechtrainings sind gleichzeitig unglaublich angenehm (vor allem das Einsprechen, ich war selten so entspannt wie nach den Übungen) und anstrengend (vor allem wenn man so seine kleinen unbewussten Sprachfehler pflegt). Und ich muss sagen, sie haben mir oft ein besseres Textverständnis vermittelt, und mich Fragen an meinen Charakter stellen lassen, auf die ich so nicht gekommen wäre. Respekt, was du so alles mit uns hinbekommst, Roman! :-)

Kommentar von Benedict Roeser
Zeit: 01. Oktober 2007, 20:40:11

Vielen Dank für den sehr schönen Blogeintrag. Dass du deine Kompetenzen maßlos überschreitest und mir meine Regiearbeit abnimmst war mir natürlich bewusst. 😉

Kommentar von Antigone
Zeit: 01. Oktober 2007, 22:56:03

Oh, mir werden die Worte aus dem Mund genommen! Dein erstes Mal, Kreon! -Und wie war’s? 😉

Kommentar von Suanne Eigner
Zeit: 02. Oktober 2007, 11:04:11

Wird Roman jetzt Mitarbeiter des Monats Oktober:)

Susi

Kommentar von Roman
Zeit: 02. Oktober 2007, 15:57:31

Oktober und November! Und für die Kompetenzüberschreitungen auch gleich noch den September mit dazu!

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