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Memoiren eines Boten… äh VI glaub ich – Urwälder und Operngesang

26. August 2007 (19:23:51) | Proben | Von: Alessa

Der BoteUnd wieder ist es Sonntag. Der Wecker klingelt um 6:00 Uhr und ich drehe mich noch mal um und schlafe weiter. Als ich gegen 8:00 Uhr die Tür zuschlagen höre, bin ich doch ein bisschen verwundert. Die Probe fängt doch erst um 10:00 Uhr an, vorher ist das Theater nicht mal geöffnet und der Hinweg dauert auch nur etwa 25 Minuten. Na so was. Da ist der Herr und Meister, aus Angst zu spät zu kommen, wohl doch ein wenig früh losgegangen. Na gut. Im Flur liegt ein Zettel, dass meine Szene erst um 13:25 Uhr geprobt wird. Ich werde trotzdem um 10:00 da sein, um nicht wie letztes Mal das Einsprechen zu verpassen. Als ich pünktlich vor dem Theater ankomme, sind alle schon da – selbst Kreon und seine heimliche Geliebte, unsere Consultant. Wie schön. :-)

Beim Einsprechen klopfen und massieren wir heute wenig, sondern erzählen uns statt dessen im Laufen projizierend eine Geschichte über einen gestrandeten Mann im Urwald. Jeder einen Satz, ohne Absprache, ohne sich ins Wort zu fallen. Ich hätte ja nicht gedacht, dass das funktioniert, aber es klappt erstaunlicherweise hervorragend. Es ist außerdem sehr interessant, was für Fantasien meine Mitschauspieler haben – irgendwie kommen wir immer wieder auf McDonalds, saftiges Steak, Kannibalismus und Maden zurück. Und das am frühen Morgen…

Dann geht es gleich los mit Antigones erster Szene, in der sie in Zwiesprache mit ihrem Gewissen (dem Text der gestrichenen Ismene) halb flüstert und halb laut redet. Kreon, Meister der Stimme, hat noch ein paar Tips zum richtigen Flüstern auf Lager (ohne Druck und mit deutlich artikulierten Plursivlauten), so dass die Szene sehr schön rüberkommt. Noch besser wird es, als Mandy mit eigenen Worten den Wechsel zwischen Flüstern und Sprechen üben soll: wir kommen in den Genuss eines improvisierten Gespräches zwischen einer Bankräuberin und ihrem Gewissen. Ich finde, wir sollten mehr schizophrene Szenen haben… 😉 Gleich im Anschluss wird Antigones zweite halb-wahnsinnige Szene geprobt: in der sie ihren Tod lamentiert und mit den Geistern ihrer verstorbenen Verwandten spricht. Mandy spielt die Verrückte wirklich gut, wenn wir irgendwann einmal „Herr der Ringe“ aufführen, werde ich sie für den Gollum vorschlagen… 😉

Dann ist die Vater-Sohn-Szene dran, mit vorangehendem Schmacht-Prolog. Haimon ist schon richtig gut im Schmachten, aber unser Regisseur und seine Consultant sind sich nicht ganz einig darüber, wie, wo und wann er auf Kreon zugehen soll. So muss unser armer Haimon unzählige Male schmachtend auf die Knie fallen und immer wieder das Gehen über, bis alle den Regisseur überstimmt haben. Kreon steht derweil an seinem Fenster (Regisseur: Fenster? Welches Fenster? – Kreon: Na das Fenster bei meinem Schreibtisch, von dem aus ich über die Stadt blicke! – Regisseur: Es gibt kein Fenster!) und wartet auf seinen Einsatz. Diese Szene mag ich auch sehr, Kreons Machogehabe und Haimons Ein rechter Herrscher wärst allein du in der Wildnis! ist einfach toll.

Dann ist es 13:25 Uhr (oder so) und die Botenszene beginnt. Während Kreon seine Eingangsrede hält – Ihr Männer… – werde ich zum Boten. Heute habe ich auch das richtige T-Shirt an, der Text ist auswendig gelernt und meine nackten Füße stehen fest auf dem Boden. Als ich mich verbeuge und anfange zu reden – Mein König… – fällt mir auf, wie anders die Tonqualität im Raum heute ist. Kein Parkettfußboden, keine Vorhänge, kein Flokati, nichts das meine Stimme schluckt. Unwillkürlich wird meine Stimme tiefer. Ich versuche langsam zu reden und passend zu gestikulieren. Irgendwann verliere ich kurz den Faden, und in einer langen (choreografierten) Pause bekomme ich Text zusouffliert. Aber an der lustigen Stelle bekomme ich Lacher, und Kreon klopft mir nach der Szene auf den Rücken. Huiii, vielleicht bin ich doch nicht ganz ungeeignet fürs Schauspielern. :-)

Dann hat der Herr und Meister noch den tollen Einfall, ich solle doch einen Teil meines Textes singen. Kreon ist total begeistert und trägt schon einmal vor, wie er sich die Stelle vorstellt. Wie nicht anders zu erwarten, endet die Szene in einem Lachanfall. Ok, dann nochmal ernster und ohne Singen. Aber jetzt schaut mich Kreon an, als sei ich wahnsinnig, und bewegt sich von mir weg. Hey, ich habe was zu sagen! Ich gehe hinterher. Dann dreht er sich um und kommt auf mich zu. Huch, so war das auch nicht gemeint. Hilfe! Ich weiche zurück. Aus dem „Publikum“ kommt Lachen ob meines panischen Gesichtsausdrucks. Der Regisseur schüttelt den Kopf und erklärt die Probe für beendet. Schade, gerade wo es anfing lustig zu werden… 😉

Zum Kaffeetrinken will außer Björn dem Fotografen leider keiner mitkommen, weil alle anderen in fünf Tagen zwei bis vier Hausarbeiten und diverse Essays abgeben müssen. Schön, dass meine Klausurenphase schon vorbei ist. :-) Wir gehen trotzdem noch Kaffee trinken und Zwetschgendatschi – pardon, Pflaumenkuchen – essen.

Der Bote, 26/08/2007

Kommentare

Kommentar von Miriam
Zeit: 26. August 2007, 19:34:50

Oh Nein! Roman!! Wir sind ertappt!!

Kommentar von Der Bote
Zeit: 26. August 2007, 19:38:05

Wenn das Eurydice erfährt… 😉

Kommentar von Miriam
Zeit: 27. August 2007, 00:38:33

ach, die ist doch sowieso so gut wie tot.

Kommentar von Benedict Roeser
Zeit: 27. August 2007, 11:46:27

Was ich nicht verstehe: Warum reden alle bei der Probe immer von irgendeinem „Fenster“?

Kommentar von Miriam
Zeit: 27. August 2007, 14:42:55

Ich als dein Consultant wage es zu versuchen dich aufzuklären. Es bezeichnet Kreons beliebte Haltung rechts vorn mit einem in die Ferne schweifenden Blick.

Kommentar von Benedict Roeser
Zeit: 27. August 2007, 18:13:04

Da gibts aber kein Fenster.

Kommentar von Susanne Eigner
Zeit: 27. August 2007, 19:29:13

Kann ich mir genial vorstellen wenn Ihr alle singt!! Zusammen mit dem Regisseur :)
Um dann gemeinsam aus dem Fenster zu schauen!

Kommentar von Der Bote
Zeit: 27. August 2007, 19:32:49

Mama, fall mir nicht in den Rücken…!

😉

Kommentar von Miriam
Zeit: 27. August 2007, 20:30:47

Es handelt sich hier um ein metaphorisches Fenster, um die Position Kreons zu bezeichnen. Wenn du ihm eine andere Haltung geben willst, lieber Regisseur, was hält dich davon ab? Ach ich weiß mein Ratschlag, nein, nicht Radschlag…

Kommentar von Der Bote
Zeit: 27. August 2007, 20:47:27

Ich mag das Fenster… auch wenn es imaginär ist.

Kommentar von Roman
Zeit: 27. August 2007, 22:45:41

Nicht zu verwechseln mit dem Berliner Fenster ist das imaginäre Fenster die einzige imaginäre Requisite, die nur mit Licht angedeutet wird. Ich bin doch so ein Fensterfetischist. Bitte gib mir ein Fenster! Consultant, hilf mir! :)

Kommentar von Benedict Roeser
Zeit: 27. August 2007, 23:45:21

Das Thema „Fenster“ wird sicherlich bei unserer internen Besprechung am 29. nochmal aufkommen. Ich halte diesen Begriff hier für absolut unangebracht.
Vielleicht können wir uns auf einen „Sichtpunkt“ einigen, d. h. den Punkt, an dem sich der „Fernseher“ (in dem Fall Kreon) befindet um die Tätigkeit der Fernsicht zu vollziehen.

Kommentar von Susanne Eigner
Zeit: 28. August 2007, 15:02:02

Bei der internen Besprechung wäre ich gerne dabei um mich auch mal über Fenster oder dergleichen aufklären zu lassen.
Roman ich werde dir ein Fenster schenken wenn du das nächste mal im Allgäu bist!!!

Kommentar von Der Bote
Zeit: 28. August 2007, 17:48:08

*lol* Da hab ich ja was ausgelöst…

Kommentar von Benedict Roeser
Zeit: 28. August 2007, 19:34:55

Roman fensterlt einfach gerne, hab ich das Gefühl.

Kommentar von Der Bote
Zeit: 28. August 2007, 19:56:06

Weiß Roman überhaupt, was „fensterln“ ist?!

Kommentar von Miriam
Zeit: 29. August 2007, 16:11:53

Hm. Ausprobiert hat er es bei mir noch nicht. :)
Aber, lieber Kreon, wie stellst du dir das lichtmäßig vor? Soll da eine „Lichtschranke“ hin? Ich finde das sollte man vor Ort herausfinden wie das gehen kann und, lieber Regisseur, ich finde nicht das viel dagegen spricht seine Position als am Fenster stehend zu bezeichnen. Natürlich steht er nicht wirklich am Fenster. Aber vielleicht sollten wir dann bei der nähsten Probe Kreons Stände und Gänge noch mal ausdiskutieren.

Kommentar von Susanne Eigner
Zeit: 29. August 2007, 16:35:02

Habt ihr deshalb auch das Theater Zerbrochene Fenster ausgesucht?
Wußtet ihr von Romans Leidenschaft?
Übrigens fensterlt man in Bayern viel!!

Kommentar von Der Bote
Zeit: 29. August 2007, 18:23:16

Ich glaube das Problem ist einfach, dass die gesamte Handlung eigentlich draußen, d.h. unter freiem Himmel stattfindet, wo in der Regel keine Fenster herumstehen. Allerdings stehen da normalerweise auch keine Schreibtische oder Cubicles, also können wir das Fenster vielleicht gelten lassen…?
Bei mir hat Roman übrigens auch noch nicht gefensterlt, was allerdings sowieso schwierig wäre, weil man dazu eine Feuerwehrleiter bräuchte. Wie ist das eigentlich bei dir, Miriam, im wievielten Stock wohnst du?

Kommentar von Miriam
Zeit: 30. August 2007, 15:17:00

Im Zweiten. Dafür habe ich einen Balkon. Hey, da könnte man ja eine wunderbare Romeo-Julia Szene machen. Hach ja, Theaterwissenschaftler-Romantik. 😉

Kommentar von Benedict Roeser
Zeit: 05. September 2007, 11:36:08

Das ist doch quatsch. Die cubicles stehen DRINNEN, die Stelle an der sich Roman befindet ist allerdings DRAUßEN. Ist doch vollkommen klar.

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