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Bühnenbau: Eine Anleitung

18. August 2007 (17:56:20) | Neuigkeiten | Von: Benedict

Der erste Eindruck einer Inszenierung bezieht sich normalerweise auf den Raum – sei es der Zuschauer-, oder Bühnenraum. Daher legen wir besonderen Wert auf unser Bühnenbild. Es besteht unter Anderem aus knapp 400 handgefertigten Styroporziegeln, wie Haimon ja bereits angedeutet hat. Ich selbst und meine Schauspieler helfen beim Bau dieser Ziegel, wodurch eine besonders intensive Beziehung zum Bühnenbild entsteht.

Wie werden sie allerdings hergestellt? Wen sich das schon immer gefragt hat, erhält nun die langersehnte Antwort:

Man nehme zunächst 7,5mm dicke Styroporplatten aus dem Baumarkt. Ich bin mir nicht sicher, ob die Größe genormt ist, bisher waren alle, die wir eingekauft haben jedenfalls gleich groß. 😉 (Maße siehe unten) An Werkzeug wird für den ersten Schritt benötigt: Maßband oder Zollstock, Winkel, Stifte. Die besten Erfahrungen haben wir mit Whiteboard-Markern gemacht. Die greifen das Styropor nicht an und sind darauf gut sichtbar.

Anleitung Styroporziegel I: Styroporplatten

Anleitung Styroporziegel: Der BauplanAuf jede Platte werden die schwarzen Linien aus dem Bauplan (links, zum Vergrößern bitte anklicken) aufgezeichnet. Es gibt 5 verschiedene Muster, da jede Platte 3,2 Ziegel ergibt.

Ich selbst bin leider unfähig auch nur eine gerade Linie zu ziehen. Nicht nur deswegen sollte man im Team arbeiten: Es geht auch schneller und macht viel mehr Spaß. Beispielsweise bietet es sich an, dass zwei Personen die Muster aufzeichnen, eine Person schneidet und zwei Personen kleben (aber dazu später mehr).

Anleitung Styroporziegel II: Zeichnen

Wie man sieht, kann man zum Zeichnen wunderbar auf dem Boden knien, den man übrigens – insbesondere für spätere Arbeitsschritte – komplett mit Zeitungspapier oder Folie abgedeckt haben sollte. Natürlich kann man sich genausogut an einen Tisch setzen. 😉

Anleitung Styroporziegel III: Aufgezeichnet Es kann gut sein, dass man sich einmal verzeichnet. Je nach Müdigkeit auch zweimal. Oder dreimal. Oder viermal. Bei der selben Platte. Das kommt davon, wenn man um 9:30 Uhr mit der Arbeit beginnt und erst um 22:00 Uhr damit aufhört. Linien an Stellen, wo keine hingehören streicht man (bzw. Michael) in dem Fall einfach durch – und schreibt bei fälschlicherweise gestrichenen Linien ein „doch!“ dazu. Das treibt denjenigen am Zuschnitt in den Wahnsinn, garantiert! :-)

Anleitung Styroporziegel IV: SchneidenDas Schneiden (Nachfahren der gezeichneten Linien mit einem Cutter) ist gar nicht schwer. Man benötigt allerdings unbedingt eine Unterlage. Das muss keine professionelle „Cutting Mat“ sein, eine dicke, nicht mehr benötigte (!) Holzplatte tuts auch. Cutter gibts im Baumarkt, ein günstiges Modell reicht völlig aus, die Klinge sollte allerdings scharf sein. Man kann nicht oft genug erwähnen: Niemals einen Cutter „offen“, d. h. mit ausgefahrener Klinge rumliegen lassen. Die Dinger sind extrem gefährlich. (Links im Bild: Cutter und Holzplatte).

Anleitung Styroporziegel V: Schneiden II

Anleitung Styroporziegel VI: Der Klebetisch Als nächstes werden die einzelnen Bauteile zusammengeklebt. Hierzu benötigt man optimalerweise einen „Klebetisch“ (links im Bild). Das kann – wie in meinem Fall – der Schreibtisch sein, der abgeräumt und dick in Zeitungspapier eingewickelt wird. Man benötigt darauf: Das geschnittene Styropormaterial, Styroporkleber, etwas zum Auftragen des Klebers (bsplw. Styroporverschnitt, ein alter Stift, ein Stück Hartschaum, ein alter Pinsel, etc.) und wenn man bis tief in die Nacht arbeitet am besten auch noch eine Schreibtischlampe.

Anleitung Styroporziegel VII: Kleben

Anleitung Styroporziegel VIII: Bestreichen mit KleberWie auf dem Bild oben nochmal verdeutlicht, benötigt man Styroporkleber. Andere Kleber werden das Styropor angreifen und zersetzen. Ehrlich. Aus den Bauteilen wird nun eine kleine Kiste – noch ohne Deckel – hergestellt. Anleitung Styroporziegel IX: Andrücken der BauteileDazu werden die einzelnen Kanten mit Kleber bestrichen (linkes Bild) und dann fest angedrückt (rechtes Bild). Hinweise zur Art der Verarbeitung (Länge des Andrückens, Dauer bis komplett trocken, usw.) finden sich auf der Verpackung des Klebers. Es kann schonmal passieren, dass das ganze in sich zusammenfällt. In dem Fall ist es üblich, laut auf den Zeichner bzw. Schneider der Bauteile zu schimpfen und sie zu beschuldigen, unsauber gearbeitet zu haben. Diese langwierige, schon fast meditative Tätigkeit lässt sich auch sehr gut bei einem Glas Rotwein bewältigen. Auf die geklebten Styroporkisten legt man aus Gründen der Übersicht am besten jeweils einen Deckel lose darauf. So kann es nicht passieren, dass man am Schluss feststellen muss, dass man zu wenige Deckel für alle Ziegel hat, usw.

Die Kisten müssen nun einige Stunden lang behandelt werden wie rohe Eier – also ganz vorsichtig. Je nach Kleber kann dieser Zeitraum zwischen 2 und 5 Stunden liegen. Solange legt man sie zum trocknen am besten auf Zeitungspapier. Eventuell auslaufender Kleber verursacht dadurch keinen Schaden.

Anleitung Styroporziegel X: Trocknen

Anleitung Styroporziegel XI: Die chinesische MauerDanach kann man die Kisten, um mehr Platz zu gewinnen auch stapeln. Hierbei muss man allerdings nach wie vor sehr feinfühlig vorgehen. Links im Bild sieht man einige dieser Kistenstapel. Ich habe sie liebevoll „Die chinesische Mauer“ genannt. Nach spätestens 24 Stunden ist der Styroporkleber trocken und man kann zum nächsten Schritt übergehen. Natürlich kann man bis dahin weiter schneiden, zeichnen und kleben. 😉 Wir beschweren unsere Ziegel – damit sie nicht beim kleinsten Anstoss oder Atemhauch umfallen – mit Sand. Sand gibt es überall: Auf Spielplätzen, Innenhöfen, an Strandbars, usw. Natürlich darf man den nicht ohne Erlaubnis mitnehmen. Falls es also Probleme gibt, kostenlos Sand aufzutreiben, gibts auch den sehr günstig beim Baumarkt. Da können auch kleine Steinchen drin sein, das macht gar nichts.

Anleitung Styroporziegel XII: Sand

Anleitung Styroporziegel XIII: Sand eingefülltDamit alle Steine etwa gleich schwer sind, haben wir die ideale Sandmenge abgemessen. Für unsere Zwecke liegt sie bei „nur“ 5 gehäuften Esslöffeln Sand. Das klingt nach wenig, allerdings wird das Styropor ja auch schon durch den Kleber und – im späteren Verlauf – durch Gips beschwert. Man erkennt nun auch, ob man gut geklebt hat: Durch kleine Löcher in den Fugen kann der Sand aus dem Ziegel herausrinnen. In dem Fall, kann man diese entweder mit Styroporkleber schließen, oder einfach ein Kreppband über die Stelle kleben.

Leider gibt es kein Foto vom nächsten Schritt: Dem Aufkleben der Deckel. Hierzu werden die Oberkanten der Styroporkisten mit Kleber bestrichen und die Styropordeckel fest angedrückt. Am besten stapelt man alle Ziegel danach auf einen hohen Turm, damit diese beim Trocknen weiterhin festgedrückt werden.

Was danach passiert schreibe ich ein andermal. Ich hoffe, es war einigermaßen interessant. :-)

Kommentare

Kommentar von Miriam
Zeit: 19. August 2007, 17:30:11

Alles in allem eine Sissiphus/ Syssiphos/ Sissyphos (na wie auch immer) – Arbeit! Was man nicht alles macht fürs Theater… *verwundert den Kopf schüttel*, wenn jetzt das Bühnenbildkonzept doch wieder geändert wird, bin ich aber wirklich… wirklich… naja lassen wir das. Hauptsache es hat alles seinen Sinn letztendlich.

Kommentar von Benedict Roeser
Zeit: 20. August 2007, 14:08:38

Sisyphos.

Kommentar von Der Bote
Zeit: 20. August 2007, 17:28:53

An drei Tagen haben wir insgesamt hundert Stück geschafft. Wobei die Arbeitszeit bei gut 10h pro Tag lag, oder? Wie viele brauchen wir von den Dingern nochmal…? 😉

Kommentar von Susanne Eigner
Zeit: 20. August 2007, 19:37:12

Hallo,
ist echt anstrengend diese Teile herzustellen!! Wir haben am Wochenende einen kleinen Einblick darüber bekommen. Außerdem müssen Alessa und Bönni bald aus ihrer Wohnung flüchten wegen Platzmangel.

Kommentar von Roman
Zeit: 21. August 2007, 15:23:29

Man wird von Hausmeistern und Polizeiaufgeboten gejagt und muss kleinen Kindern die Sandburgen einreißen. Aber hey, das passiert alles für die Kunst! 😉

Kommentar von Der Bote
Zeit: 23. August 2007, 19:46:02

Hey, wir haben bald die Chinesische Mauer in unserem Wohnzimmer stehen, wenn das kein Spaß wird! *g*

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