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Memoiren eines Boten III – Schizophrenie und Geschichtenerzählen

16. Juli 2007 (23:32:04) | Proben | Von: Alessa

Mit dem Regisseur zusammen zu leben ist gar nicht schlecht. Vor allem weil es schwierig ist, zu spät zu kommen. Allerdings besteht der Nachteil, dass ich immer zur S-Bahn rennen muss. Na ja. Aufgrund eklatanter Verspätungen diverser königlicher Häupter (und außer dem Boten sind in dem Stück alle mehr oder weniger königlich – nicht dass auch alle zu spät kämen) wurde jetzt ein Zu-spät-komm-Schwein eingeführt, mit dessen Inhalt wir am Ende unseres Projekts ein bisschen feiern werden.

Sonntag jedenfalls hatte ich das Vergnügen, die erste halbe Stunde mit unserem Regisseur alleine zu proben. Das war gar nicht schlecht, denn so habe ich sehr interessante Dinge über den Boten erfahren. Zum Beispiel, dass es sich unrsprünglich eigentlich um zwei Rollen handelt – kein Wunder, dass ich manchmal Schwierigkeiten mit der Charakterisierung habe. Der Bote ist ein bisschen schizophren. Nicht, dass ich meine diversen Problemchen alleine auf den Text schieben dürfte. Ich denke, ich merke langsam, dass ich nicht nur sehr wenig Erfahrung im Rollenspielen und einen etwas nervigen Schüchternheitsfaktor habe, sondern auch eine naturwissenschaftlich behinderte Denkweise. Aber gottseidank sind meine geisteswissenschaftlichen Schauspielkollegen ständig bereit, mich mit Ratschlägen, lieben Worten, Beispielen, hilfreichen Fragen und noch hilfreicheren Übungen zu unterstützen. Auch wenn mich widersprüchliche Vorschläge manchmal schier in den Wahnsinn bzw. die Schizophrenie treiben… Ich glaube bis November könnte das durchaus was werden. Zumindest hat mich der Herr und Meister beruhigt: wenn er nicht glauben würde, dass ich es schaffe, hätte er mich schon rausgeworfen. *g*

Die geprobten Szenen waren also: „Hämon ist tot“ – sechstes Epeisodion und die längste Botenszene. Die ersten zwei Durchgänge waren recht katastrophal (dank mir), aber nach einer hilfreichen Übung, in der ich die Geschichte mit meinen eigenen Worten erzählen und spielen durfte – das ging ganz gut – war zumindest das Überbringen der Botschaft einigermaßen passabel. Der Bote als Geschichtenerzähler, der seine Zuhörer fesseln will, liegt mir näher als dieser seltsam abstrakte Stil der Berichterstattung – auch wenn Herr und Meister meint, da gäbe es keinen Unterschied. Mit dem Anfang der Szene kann ich immer noch nicht viel anfangen, aber wir haben ja noch ein paar Wochen, bis sie das nächste Mal geprobt wird…Szene eins – Kreons Amtsantritt und die Botschaft, dass Polynikes bestattet wurde – lief dafür schon einigermaßen gut. Hier ist der Bote ziemlich eingeschüchtert und ein bisschen kess (oder auch vorlaut, aber ich mag „kess“ lieber), das geht mir leichter von den Lippen und macht mehr Spaß als vor der Stadt zu sprechen. Und weniger Text ist es auch. 😉

Zu meiner Freude (und Kreons Leid) wurde zum Schluss noch der Exodos geprobt – eine Übung im Jammern und Leiden, die unseren Kreon aber auch nicht aus der Fassung bringen konnte. Schade, ich fühle mich ständig aus der Fassung, ein bisschen Mitleidenschaft wäre nett gewesen. Allerdings war es sehr faszinierend, wie viele unterschiedliche Inflektionen in vier Silben (und einer Flasche Rotkäppchen) stecken können.

Der Bote, 16/07/07

Kommentare

Kommentar von Susanne Eigner
Zeit: 18. Juli 2007, 15:08:48

Hi Lessi, pass auf dass du nicht schitzophren wirst! Wäre wirklich schade. Finde eure Seite genial und freue mich auf neue Kommentare.
Susanne

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