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Am Anfang war das Wort.

21. Juni 2007 (09:36:35) | Verschiedenes | Von: Benedict

Bei den meisten Theaterproduktionen steht am Anfang das Wort. Ein Stück, dass zur Inszenierung werden soll, ein dramatischer Text. Um wirklich gutes Theater zu machen, muss man meistens allerdings noch weiter gehen und Forschungsarbeit betreiben – in verstaubten Bibliotheken und Archiven und heute – Gott sei Dank! – auch im Internet.

Bei meiner Arbeit dürfen natürlich „Standardwerke“ wie Aristoteles Poetik, gängige Antigone-Interpretationen, wissenschaftliche Aufsätze und historische Dokumente nicht fehlen. Auf ein ganz besonderes Juwel will ich näher eingehen: „Der peleponnesische Krieg“ von Thukydides. Das Werk entstand 404 v. Chr. und beschreibt nicht nur den peloponnesischen Krieg selbst, sondern auch – und das ist für Antigone natürlich besonders wertvoll – eine Grabrede des Perikles, in der auch die typischen Vorgänge einer Bestattung erläutert werden. Hinzu kommt eine detaillierte Schilderung der Pest, die etwa 430 v. Chr., also kurz nach Beginn des Krieges ausbrach und für die Vorgeschichte von Antigone von entscheidender Bedeutung ist.

Ein besonderer Vorteil ist allerdings, dass das Büchlein in der deutschen Übersetzung (Ich habe hier die Reclam-Ausgabe, übersetzt von Vretska und Rinner) wirklich gut zu lesen ist. Der Text ist auch für Laien verständlich, häufig amüsant und regt zum Nachdenken an – etwa als Perikles den perfekten Staat beschreibt: „Mit Namen heißt sie, weil die Staatsverwaltung nicht auf wenige, sondern auf die Mehrheit ausgerichtet ist, Demokratie. Es haben aber nach den Gesetzen in den persönlichen Angelegenheiten alle das gleiche Recht, nach der Würdigung aber genießt jeder – wie er eben auf irgendeinem Gebiet in Ansehen steht – in den Angelegenheiten des Staates weniger aufgrund eines regelmäßigen Wechsels (in der Bekleidung der Ämter), sondern aufgrund seiner Tüchtigkeit den Vorzug. Ebenso wenig wird jemand aus Armut, wenn er trotzdem für die Stadt etwas leisten könnte, durch seine unscheinbare Stellung daran gehindert. Frei leben wir als Bürger im Staat und frei vom gegenseitigen Misstrauen des Alltags, ohne gleich dem Nachbarn zu zürnen, wenn er sich einmal ein Vergnügen macht, und ohne unseren Unmut zu zeigen, der zwar keine Strafe ist, aber doch die Miene kränkt. […]“ Daran sollten sich unsere Politiker mal ein Beispiel nehmen. 😉

Schlichtweg genial ist auch das Kapitel zur „Pathologie des Krieges“. Thukydides beschreibt wie Krieg entsteht und wie er das Verhalten der Menschen beeinflusst. Wie Neid, Hass und Missgunst Einzug in die Gesellschaft halten. Wie der, der einen Anschlag vereitelt höher geschätzt wird, als der, der so agiert, dass erst gar niemand einen Anschlag auf ihn plant. Der Bürgerkrieg wird ebenso angesprochen wie der Krieg zwischen mehreren Völkern.

Wer Lust darauf bekommen hat, selbst einmal nachzulesen: Thukydides: „Der Peloponnesische Krieg (Auswahl)“ (Reclam, 2005). Gibts in jedem Buchhandel und kostet € 2,80. Vielleicht bin aber auch ich nur so begeistert davon, weil ich mich gerade intensiv mit der Materie beschäftige. 😉

Kommentare

Kommentar von Roman
Zeit: 21. Juni 2007, 20:23:36

Nein, deine Begeisterung, glaube ich, ist absolut gerechtfertigt. Ich meine, vor 2400 Jahren hat man das schon gewusst. Und wo stehen wir heute? Jaja…

Kommentar von Alessa
Zeit: 21. Juni 2007, 21:55:32

Ich sags ja immer, Männer und ihre (Kriegs-)Spielzeuge…
Nehmt euch mal ein Beispiel an Antigone, diese Liebe, diese Integrität! So was brauchen wir an der Spitze des Staates, nicht Leute wie den ollen Kreon…

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